Aelian

21. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Aelians Vermischte Nachrichten (14 Bücher)

Zweites Buch
14. Von der Vorliebe des Xerxes für eine Platane.
Xerxes war ein wunderlicher Mann. Was Zeus gemacht, Meer und Land, achtete er nicht; er schuf sich neue Straßen und einen ungewöhnlichen Seeweg; aber er wurde der Sklave einer Platane, der Verehrer eines Baums. In Lydien nämlich, erzählt man, fand er eine Platane von ungewöhnlicher Größe, und verweilte, ohne alle Veranlassung, einen ganzen Tag bei derselben, so daß ihm die Einöde bei der Platane statt einer Herberge dienen mußte. Außerdem behängte er sie noch mit kostbarem Schmuck, zierte ihre Zweige mit Halsbändern und Armspangen, und ließ einen Wärter bei ihr zurück, der sie, wie eine Geliebte, beschützen und bewachen sollte. Was erwuchs aber daraus dem Baume für ein Vortheil? Der künstliche und ganz fremdartige Schmuck hing zwecklos da, ohne zur Schönheit Etwas beizutragen. Denn zu eines Baumes Schönheit gehören wohlgewachsene Zweige, dichtes Laub, ein fester Stamm, tiefgehende Wurzeln, Winde, die ihn durchwehen, ein vielumfassender Schatten, der Wechsel der Jahreszeiten, und Wasser, theils in Kanälen zur Nahrung, theils vom Himmel herab zur Befeuchtung. Hingegen die Gewänder des Xerxes und das Gold des Barbaren und seine übrigen Geschenke waren weder der Platane, noch einem andern Baume angemessen. (S. 51f.)

34. Vom Alter
Epicharmus soll einst, als er schon in sehr hohem Alter gestanden, sich mit einigen ihm an Alter gleichen Männern unterhalten haben. Als nun von den Mitgliedern der Gesellschaft das eine sagte: fünf Jahre möchte ich noch leben; das andere: ich drei; das dritte: ich vier; — so fiel Epicharmus ein und sagte: „O ihr guten Leute, was streitet und zanket ihr um weniger Tage willen? Wir Alle, die ein Zufall hier zusammengeführt, stehen unserem Ziele nahe; darum ist es für uns Alle Zeit, abzusegeln, ehe wir noch eine Beschwerde des Alters gefühlt haben.“ (S. 66)

Drittes Buch
19. Von der Mißhelligkeit zwischen Aristoteles und Plato.
Zur Mißhelligkeit zwischen Aristoteles und Plato soll die erste Veranlassung gewesen seyn, daß Plato an Aristoteles Lebensweise und Art, sich zu tragen, keinen Gefallen fand. Auf seine Kleidung und Beschuhung verwendete nämlich Aristoteles eine übertriebene Sorgfalt; auch ließ er sich das Haar scheren, was für Plato ebenfalls etwas Ungewohntes war; überdieß prangte er mit den vielen Ringen, die er an den Fingern trug. In seinem Gesichte lag ein gewisser Hohn, und wenn er sprach, so verrieth auch eine unzeitige Geschwätzigkeit seinen Charakter. Wie wenig aber Dieß einem Philosophen gezieme, bedarf keines Beweises. Plato nun, der es bemerkte, nahm ihn nicht in seine Gesellschaft auf, sondern zog ihm den Xenokrates, Speusippus, Amyklas und Andere vor, die er neben anderen Ehrenerweisungen auch der Theilnahme an seinen Unterredungen würdigte. Als nun einmal Xenokrates nach Hause gereist war, machte Aristoteles einen Angriff auf Plato, indem er ihn mit einem Haufen seiner Schüler, worunter Mnason aus Phokis und Andern, umringte. Speusippus war damals krank und daher nicht im Stande, den Plato zu begleiten. Plato aber war bereits nahe an 80 Jahre alt, und seines Alters wegen war sein Gedächtnis geschwächt. Indem nun Aristoteles einen so wohl berechneten Angriff auf ihn machte, und mit vieler Eigenliebe und in einem gewissermaßen zurechtweisenden Tone verschiedene Fragen an ihn richtete, beging er offenbar eine Beleidigung, die nur aus einem schlechten Herzen kommen konnte. Deßwegen verließ auch Plato den Spaziergang außer dem Hause, und erging sich innerhalb desselben mit seinen Freunden. Nach drei Monaten kam Xenokrates von seiner Reise zurück, und traf auf seinem Spaziergange, wo er den Plato verlassen hatte, den Aristoteles an. Da er aber bemerkte, daß Dieser mit seinen Schülern sich vom Spaziergange nicht zu Plato begab, sondern für sich besonders in die Stadt zurückkehrte, so fragte er einen noch auf dem Spaziergange Befindlichen, wo denn Plato wäre; denn er dachte, derselbe sey krank. Er erhielt zur Antwort: Plato sey nicht krank, sondern weil ihn Aristoteles durch die ihm bereitete Unannehmlichkeit veranlaßt habe, sich vom Spaziergange zu entfernen, habe er sich in seinen Garten zurückgezogen, und widme sich dort der Wissenschaft. Kaum hatte Dieß Xenokrates erfahren, als er sich sogleich zu Plato begab. Er traf ihn im Gespräche mit seinen Schülern, achtungswerthen und besonders angesehenen jungen Männern, die in großer Anzahl um ihn versammelt waren. Als Plato die Unterredung beendigt hatte, begrüßte er, wie sich denken läßt, den Xenokrates sehr freundlich, und Xenokrates hinwiederum ihn nicht minder. Allein als die Mitglieder der Gesellschaft sich entfernt hatten, äußerte Plato eben so wenig gegen Xenokrates, als Dieser gegen Jenen. Xenokrates aber versammelte Platos Freunde, machte dem Speusippus sehr harte Vorwürfe, daß er dem Aristoteles den Spaziergang überlassen habe, griff nun seinerseits den Stagiriten so heftig als möglich an, und ging in seinem Eifer so weit, daß er Denselben vertrieb, und dem Plato seinen gewohnten Platz wieder verschaffte. (S. 93ff)

27. Von Platos Armuth, und wie er zur Philosophie kam
Ich habe eine Nachricht gefunden, von der ich jedoch nicht weiß, ob sie wahr ist; es ist diese. Plato, Aristons Sohn, war, wie man erzählt, von Armuth niedergedrückt, und im Begriff, in den Krieg auszuziehen. Als er eben sich Waffen kaufen wollte, traf ihn Sokrates, besprach sich mit ihm über Das, was seinen Verhältnissen angemessen war, und beredete ihn, sich auf die Philosophie zu legen; und Plato gab nun seinen raschen Entschluß auf. (S. 98)

36. Warum Aristoteles Athen verließ.
Als Aristoteles Athen aus Furcht vor gerichtlicher Untersuchung verließ, und ihn Jemand fragte: was Athen für eine Stadt sey, so antwortete er: „Eine sehr schöne; aber in ihr

Reiset Birn‘ auf Birne heran, und Feige auf Feige. (Hom. Odyss. VII, 120f.)

mit Hindeutung auf die Sykophanten. Und auf die Frage: warum er Athen verlassen habe? erwiederte er: weil er den Athenern nicht Veranlassung geben wolle, zum zweitenmal sich gegen die Philosophie zu versündigen, — eine Aeußerung, mit der er auf das Schicksal des Sokrates und seine eigene gerichtliche Verfolgung hindeutete. (S. 104)

Viertes Buch
1. Verschiedener Völker Gewohnheiten.
Ein Gesetz der Lukanier bestimmt: Wenn ein Hausbesitzer einen bei Sonnenuntergang ankommenden Fremden, der bei ihm einkehren will, nicht aufnimmt, so soll er wegen seines ungastlichen Benehmens zur Verantwortung gezogen und gestraft werden, wie mir däucht, mit Rücksicht auf Zeus Xenius eben so, wie auf den Ankömmling.
Die Dardaner in Illyrien werden, wie ich mir habe erzählen lassen, in ihrem ganzen Leben nur dreimal gewaschen, nach der Geburt, bei ihrer Verheirathung und nach ihrem Tode.
Die Indier leihen und entlehnen nie Geld auf Zinsen. Ein Jeder darf aber auch ebenso wenig Andere beeinträchtigen, als sich beeinträchtigen lassen. Deswegen stellen sie denn keine Schuldverschreibung oder Pfand aus.
Auf der Insel Sardinien herrschte der Gebrauch, daß die Söhne ihre Väter, wenn sie einmal ein hohes Alter erreicht hatten, mit Keulen todtschlugen und begruben, weil sie es für schimpflich hielten, daß ein Mann in so hohem Alter noch lebe, da er manchen Fehler begehe, wenn sein Körper durch das hohe Alter entkräftet sei. Auch bestand dort ein Gesetz, das für die Unthätigkeit Strafen bestimmte; wer ohne Beschäftigung lebte, mußte vor Gericht Rechenschaft geben und nachweisen, wovon er lebe.
Die Assyrier lassen die mannbaren Jungfrauen in einer Stadt zusammenkommen, und bieten sie öffentlich feil. Jeder führt sodann die, die er gekauft, als Braut heim.
Wenn ein Einwohner von Byblos auf der Straße Etwas antrifft, das er nicht hingelegt hat, so nimmt er es nicht; denn er hält es nicht für einen Fund, sondern für ungerechtes Gut.
Bei den Derbikkern werden alle Personen, welche über 70 Jahre alt werden, getödtet; die Männer werden als Opfer geschlachtet, die Weiber gehängt.
Die Kolchier begraben ihre Todten in Fellen und nähen sie in Thierhäute ein und hängen sie so an Bäumen auf.
Bei den Lydiern war die Gewohnheit, daß die Frauen, ehe sie in die Ehe traten, mit Männern Buhlerei trieben, sobald sie aber einmal vermählt waren, züchtig lebten. Verging sich eine Frau mit einem fremden Manne, so konnte sie nimmermehr Verzeihung erhalten. (S. 113f.)

9. Von Platos Anspruchlosigkeit und Aristoteles Undankbarkeit.
Plato, Aristons Sohn, wohnte zu Olympia mit Leuten zusammen, die ihm eben so unbekannt waren, als er ihnen. In einfacher Weise speiste und lebte er überhaupt mit ihnen, und wußte sie durch seinen Umgang so an sich zu ziehen und zu fesseln, daß die Fremden über das Zusammentreffen mit einem solchen Manne sich nicht genug freuen konnten. Er gedachte aber weder der Akademie, noch des Vorrates; nur das Einzige theilte er ihnen mit, daß er Plato heiße. Sie kamen darauf nach Athen, und Plato nahm sie sehr freundschaftlich auf. Da sagten die Fremden: „Nun, Plato, zeige uns auch den Dir gleichnamigen Schüler des Sokrates; führe uns in seine Akademie, und stelle uns ihm vor, damit wir auch von ihm einen Genuß haben.“ Ruhig lächelnd, wie gewöhnlich, antwortete er ihnen: „Nun, der bin ich.“ Da staunten sie, und wunderten sich, daß sie einen so großen Mann um sich gehabt und doch nicht erkannt hätten, wegen seines anspruchlosen und ungekünstelten Benehmens gegen sie, durch das er bewiesen habe, er sey auch ohne seine gewöhnlichen Vorträge für Jeden anziehend, der mit ihm umgehe.
Plato nannte den Aristoteles Polos [Füllen]. Was wollte er mit dieser Benennung sagen? Bekannt ist ja, daß das Füllen, wann es der Muttermilch satt geworden, nach seiner Mutter ausschlägt. Plato wollte nun auch andeuten, daß Aristoteles sich undankbar gezeigt habe. Denn nachdem Dieser die Hauptgrundsätze der Philosophie und die Mittel zu seiner Fortbildung von Plato empfangen, und nun des Trefflichen genug in sich aufgenommen hatte, entledigte er sich des Zügels, errichtete Jenem gegenüber eine eigene Schule, bezog mit seinen Freunden und Schülern die Gänge des Lyceums (den Peripatus), und machte es sich zum Geschäfte, als Platos Widersacher aufzutreten. (S. 120f.)

29. Etwas Lächerliches von Alexander.
Ich kann mich nun einmal nicht enthalten über Alexander, Philipps Sohn, zu lachen. War er ja doch, als er von den unzähligen Welten hörte, deren Daseyn Demokritus in seinen Schriften behauptete, ärgerlich darüber, daß er noch nicht einmal über die Eine bekannte Herr geworden sey. Wie sehr erst Demokritus selbst über ihn gelacht haben würde, er, der sich das Lachen zum Geschäfte machte, habe ich wohl kaum nöthig anzumerken. (S. 132f.)

Fünftes Buch
9. Von Aristoteles.
Nachdem Aristoteles sein väterliches Vermögen verschwendet hatte, trat er in Kriegsdienste, und als er dieselben auf eine schmähliche Weise verlassen, trat er als Arzneikrämer auf. Unbemerkt schlich er sich in den Peripatus ein, hörte die dort gehaltenen Vorträge, und legte, vermöge seiner ausgezeichneten Fähigkeiten den Grund zu der Geschicklichkeit, die er sich nachher erwarb. (S. 138)

Achtes Buch
14. Von Diogenes Lebensende.
Als Diogenes von Sinope schon tödtlich krank war, schleppte er sich noch, wie er war, auf ein Brückchen in der Nähe einer Uebungsschule, legte sich dort nieder und gab dem Aufseher der Ringschule den Auftrag, ihn in den Ilissus zu werfen, sobald er bemerke, daß er nicht mehr athme. So gleichgültig zeigte sich Diogenes gegen Tod und Begräbniß. (S. 182)

Zwölftes Buch
8. Von Cleomenes trügerischem Benehmen gegen Archonides.
Der Lacedämonier Cleomenes machte seinen Freund Archonides zu seinem Vertrauten und Gehilfen bei seiner Unternehmung, und schwur ihm, wenn er die Oberhand behalte, bei seiner Staatsverwaltung sich auch an seinen Kopf wenden zu wollen. Als er nun zur Regierung gelangte, tödtete er seinen Freund, schnitt ihm den Kopf ab und legte ihn in ein Gefäß mit Honig. So oft er nun ein Geschäft vornahm, bückte er sich über das Gefäß und erklärte, was er zu thun im Sinne hatte. So, sagte er, breche er seinen Vertrag und seinen Eid nicht, da er sich ja mit des Archonides Kopf berathe. (S. 244)

[Übersetzt von Ephorus Dr. Wunderlich zu Schönthal, Verlag der J. B. Metzler‘schen Buchhandlung, Stuttgart 1839]

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