Wilfried Kähler über Omega

28. Februar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Es folgt ein bemerkenswertes Kapitel aus Wilfried Kählers (* 1936) lebensphilosophischem Hauptwerk „Im Abgrund des Nichts: Philosophische Studie über die Bewältigung der Seinsunsicherheit“ (Zweite überarbeitete Auflage, BoD 2003), die Seitenangaben werden in Klammern angegeben.


(163) Omega:

Der Mensch lebt in ständigem Konflikt zwischen den Anforderungen einer mit der Zeit immer repressiver gewordenen Gesellschaft und seinen ureigenen Zielen und Plänen der Lebensgestaltung, die ihm zum Teil noch nicht einmal bewußt werden, soweit sie von normierender Erziehung überlagert sind.
Die Regeln des Zusammenlebens, häufig dem Herdentriebe nachfolgend mit der Autorität eines Überwesens bedacht, entfalten über die psychische Instanz des Über-Ich ein beunruhigendes Eigenleben, das eine freiere Persönlichkeitsentwicklung behindert: Wie viele Menschen doch können sich prägenden, namentlich religiösen Beeinflussungen, vor allem im Kindesalter, aller Ratio zum Trotze zeitlebens nie mehr ganz entziehen. Hinzu kommt die immer schon erwähnte Tendenz jeder Gemeinschaft, Aggressionen, die sich sonst mit auflösender Tendenz im Inneren bemerkbar machen würden, nach außen abzulenken: Jede enge Gemeinschaft bedarf solchermaßen eines Feindbildes, wozu sie gern auch ihren Rand nutzt, ja ihn notfalls selbst produziert. Ein allzu selbständiges Ich wird von einer auf die Bildung eines Durchschnitts reduzierten Gemeinschaft als fremdartig empfunden und an den Rand verwiesen.
Die meisten allerdings legen, vielleicht auch als Folge nivellierender Erziehung, offensichtlich nur wenig Wert darauf, ihre Persönlichkeit zu entdecken und auszuschöpfen, sondern ordnen sich unschwer ein, ohne ihr Haupt zu erheben. Immer wieder aber ragen aus der Menge einzelne heraus, manche als deren Führer, andere als deren Kritiker.

Das durchschnittliche Endergebnis jedenfalls:
Der uniformierte, manipulierbare, unmündige, gehorchende Mensch als Herdentier, der eigenes Nachdenken scheut und seine Werte von oben empfangen möchte, der selbst in seiner revoltierenden Jugend, wenn er denn revoltiert, quasi uniform revoltiert: im von den Erwachsenen vorgegebenen Design -, wirkt geradezu erschreckend, und mancher verlangt nach Ecken und Kanten. Interessant ist erst die Vielfalt in Lebenskraft und Intensität: Eine globalisierte Welt, geprägt von einigen wenigen Wirtschaftsimperien, in der, gleichförmig vom Nordpol bis zum Südpol und über alle Längengrade, zu Fastfood Cola getrunken wird, bleibt immerhin einigen ein Greuel.
(164) Die Denkungsart eines am Rande Stehenden ist gewiß nicht jedermanns Sache und kaum Allgemeingut. Die Gesellschaft – der Gegenpol – denkt sich selbst als aufgeschlossen, modern und fortschrittlich, ist jedoch in Wahrheit eher konservativ.
Stets ist es nur eine Minderheit, die wirklich über den Tellerrand des Tages hinausgehen, hinausdenken will; einige wenige Exemplare des homo criticus, Randgestalten der Gesellschaft, die da versuchen, dem von Hektik und Streß, von Flüchtigkeit in jeder Hinsicht gekennzeichnetem Leben, der allgemeinen Bevormundung zu entgehen, um für sich die viel entscheidendere Frage zu beantworten: Wie gestalte ich mein Leben in Relation zur Gleichwertigkeit anderen Existenzrechtes einigermaßen erfüllt und sinnvoll, so gut es eben geht?
Ihnen ist es allzu billig, ihr Leben in blauäugigem Optimismus allein verbringen zu wollen, in jener Seichtheit des Denkens, die alle Qual, alles Leiden schlicht ausgrenzt, indem sie daran vorbeisieht, die so tut, als gäbe es für alles und jedes eine Lösung, kurzum in jener Form von blinder Heiterkeit, wie sie etwa in den Bildern der Nazarener zum Ausdruck kommt.
Diese Eigenmächtigkeit führt sie denn nur noch weiter an den Rand und uns zu Überlegungen über das Verhalten von Gesellschaft und deren Rand.
Zwischen dem Rand einer Gesellschaft und ihrer Mitte gibt es eine Vielzahl durchaus interessanter, wenn auch gelegentlich, vor allem für den Rand, gefährlicher Wechselbeziehungen. Scheinbar erfreut sich der Rand einer größeren, verlockend wirkenden Freiheit, und so kokettiert so mancher aus der Mitte mit den Gestalten am Rande aus dem uneingestandenen Wunsch, selbst auch ein wenig ausbrechen zu wollen, wenn man schon nicht selbst – etwa Künstler – ist, so doch mit dessen Status. Dieser Wunsch wird stellvertretend wie sublimiert erlebt, wobei gleichzeitig immer auch ein wenig herablassend behandelt wird, was man sich nicht traut, selbst anzustreben.

Ich greife in diesem Zusammenhange inhaltlich auf ein Seminar mit dem bekannten Lernpsychologen Prof. Corell zurück, der die enge Verwandtschaft von Kreativität und divergierendem Denken betont. Konvergierend sei das dem Gesellschaftsdurchschnitt eigene, sozusagen normale Denken, als divergierend wäre zu bezeichnen, was aus den gewohnten Bahnen ausbreche.
(165) Der Erfolgreiche dieser Gesellschaft sei regelmäßig ein konvergierender Denker: der fleißig intelligente, angepaßte Alpha-Typus. Dieser Begriff sei der Tierpsychologie entlehnt und bezeichne dort die Rangordnung: Omega ist der letzte in der Folge, auf ihn entlädt sich alle Aggression, wenn die Gruppe sich einer vermeintlichen oder tatsächlichen Bedrohung ausgesetzt fühlt.

Kreativität, d. h. die Fähigkeit, das Bisherige in Frage zu stellen, käme eher dem Rande der Gesellschaft, den Ausgegrenzten zu. „Jede Gesellschaft bedürfe zu ihrer Weiterentwicklung kreativer Denkergebnisse“, sagt Corell und fordert: „Divergierende Denker sollten daher in der Lage sein, ihr Denken in konvergierende Formen umzusetzen, um es auf diese Weise der Gesellschaft zugänglich zu machen“, was nachgerade einer Quadratur des Kreises gleichkäme.
Die Crux Omegas in seinem auf Veränderung gerichteten Streben liegt darin, motivieren zu müssen, ohne aber mit den großen Hoffnungen der Menschen übereinstimmen zu können. Sein kreativer Motor: Unzufriedenheit – rührt im allgemeinen von der Ausgrenzung her; ebenso erspürt die Gesellschaft instinktiv, daß Kreativität und Zerstörungslust zusammenhängen – Aggression (gegen die Mitte) aus Nichtteilhabe (an der Mitte) – und verhält sich weiter abweisend; der kritische Skeptiker war schon immer ein unangenehmer Störenfried.
So wenig ein echter Bund zwischen Ameise und Grille zu flechten ist, so sehr bleibt auch das Gedankenlicht Omegas ganz offenbar in sich ein allzu Fremdes, als daß er – pur genossen – für die Welt Alphas verträglich wäre.
Daher bedarf es sogenannter Epigonen, die energisch damit beschäftigt sind, das Ursprüngliche zu verwässern, und jeder Fixstern, um im Bild zu bleiben, zieht eine Unzahl Interpreten nach sich, die sich damit befassen, das Licht quasi spektral zu zerlegen, um es – Strahl für Strahl – mit intensiver Emsigkeit in den Rahmen des schon Gedachten einzuarbeiten. Beliebt sind „Kant als…“ und „Kant und …“-Themen.

Es zeigt sich uns also eine Art doppelter Ambivalenz: Alpha stößt Omega ab, ist aber gleichzeitig auf seine konvergierbaren Innovationen angewiesen, während Omega diese Gesellschaft zwar kritisch vom Rande her betrachtet, doch auch in Sehnsucht (166) nach breiter Anerkennung schmachtet – ein herzzerreißendes Beispiel ist ein Mann wie Schopenhauer.
Eben dieser versuchte, sich mit der Erkenntnis zu trösten, daß das Licht eines Fixsterns nun einmal Jahre brauche, um die Erde zu erreichen.

Alpha fühlt sich nur wohl in gesichertem Bereich: „Seine Philosophie wird sich mithin vorwiegend im Bereiche des bereits Beurteilbaren bewegen, in überaus intelligentem, historisierendem Vergleichen und vor allem Einordnen, und Alpha freut sich, wenn Omega, der das Gold im Ungesicherten sucht, dabei womöglich einen Irrtum beging. Alphas Verstehen bezieht sich eher auf die aufbereiteten Trümmer eines erratischen Blockes.
Statt auf individuelle Eigenständigkeit legt Alpha eher Wert auf Demut, was etymologisch gleichbedeutend ist mit dienendem Sinn. Ein Orden wird für herausragende Intensität in Angepaßtsein verliehen und persönlicher Stolz – ganz begriffswidrig, weil andere etwas an seiner Stelle geleistet haben – vorwiegend als Nationalstolz erlebt, d. h. durch Identifikationen mit ebenso großartigen wie unverstandenen Geistern: Deutsche berufen sich zu ihrer Erhöhung am liebsten auf einen ungelesenen Schiller oder Goethe. So gesehen, steht auch ein Kant mit dem Versuch reiner Vernunft ziemlich armselig da.

Während – nolens volens – Unzufriedenheit Dauerzustand des Omega ist, steht in ganzem Gegensatz dazu die durchschnittliche Alpha-Gesellschaft, die für sich nichts anderes als Zufriedenheit anstrebt und im Überschaubaren verharrt. Alpha neigt dazu, einmal angenommene Gewohnheiten, auch im Denken, unbedingt beizubehalten; jedwede Änderung löst Angstempfinden vor Unbekanntem aus.
Vermutlich wirkt als Relikt aus dem Überlebenskampfe in Vorzeiten ein intensiver Argwohn vor Neuem, nicht gleich Beherrschbarem, der sich in unserer abgesicherten Welt erhalten hat, und die mit divergierenden Denkergebnissen oft einhergehenden massiven Aufforderungen zu Veränderungen stehen gegen ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen, das, dem physikalischen Trägheitsgesetz entsprechend, gewissermaßen der Masse proportional ist. Überhaupt lassen sich viel mehr Naturgesetze auf die Molekülstruktur Mensch direkt anwenden, als es anthropozentrischem Empfinden lieb sein kann.
(167) Es hat ganz den Anschein, daß sich im Durchschnitt mit oder ohne Religion, mit oder ohne Philosophie, in guten wie in schlechten Zeiten, nichts, aber auch gar nichts in übersehbaren Zeiträumen entscheidend geändert hat.
Nicht besser oder schlechter als andere vor ihr oder neben ihr, verweigert sich die Gesellschaft in ihrer Allgemeinheit höherwertigen Interessen und ist mehr oder weniger von dem gekennzeichnet, was man seit jeher den Tanz um das goldene Kalb nannte. Man gebe der Masse panem et circenses, hieß es früher und so auch heute.
Allseits preist man die Weiterentwicklung des Menschen in Bildung, Wissenschaft und Kunst, lobt ungeheuren Fortschritt schlechthin und übersieht, blind geworden im Getöse des Jubels, wie wenig sich an der grundlegenden Struktur des Menschen realiter verändert hat. Die Alten und die Neuen sind sich im wesentlichen durchaus gleich geblieben. Alle Bildung, alle Wissenschaft, alle Kunst haben an der Beschaffenheit des Menschen als Gemeinschaftswesen nichts entscheidend abgewandelt, nach wie vor treiben ihn die gleichen grundlegenden Bedürfnisse und Erwartungen.

Was den Alten die Teilnahme an Gladiatorenkämpfen in einer römischen Arena war, das ist den Neuen das Star-Wars-Spiel von der CD am PC; das technische „Outfit“, auch sprachlich, hat sich in den wenigen Jahrtausenden, die wir recht zu überblicken vermögen, geändert: sonst nichts.
Wir erfreuen uns weltweiter Kommunikation im Nano-Bereich, will sagen in Echtzeit, inhaltlich aber geht es, insonderheit in den sogenannten Chatrooms, eher zu wie früher auf einem mittelalterlichem Marktplatz: Man schwätzt.
Ich möchte als Gegenpol dazu den zwar altmodischen, dennoch entschieden tiefreichenderen Briefwechsel der Schopenhauers anführen – ein Vergleich, der allerdings auf tönernen Füßen steht, als er doch eine Elite mit der Allgemeinheit gleichsetzt -, oder den Abschiedsbrief, den Epikur am Sterbebett an Idomeneus geschrieben hat:
„Den glücklichen Tag feiernd und zugleich als letzten meines Lebens vollendend, schreibe ich euch dies: Blasen- und Darmkoliken, die keine Steigerung der in ihnen wirkenden Heftigkeit zulassen, begleiten ihn. Doch all dem steht gegenüber die Freunde in meinem Herzen über die Erinnerung an die von uns (168) geführten Gespräche. Du aber zeige dich würdig deiner von Jugend an gegen mich und die Philosophie bewiesenen Freundschaft und sorge für die Kinder des Metrodoros.“
Wohl dem, der solches von sich zu sagen vermag.

Der Rand oszilliert, die Mitte beharrt und manche Menschen wirken wie gestorben lange schon vor ihrer Geburt, beschäftigt nur mit der Bewältigung des Alltags, eingemauert in ihren von blindem Hoffenwollen geprägten Weltbildern.
Wer nicht die Langeweile zufriedener Seelenzustände bevorzugt, hüte sich vor allem Angepaßtsein, mißachte das Urteil des Nachbarn und erhalte seine innere Eigenständigkeit.
Die Mitte verharrt lieber im Heute. Ein solches Leben erspart unbequeme Zukunftsprobleme, die es innovativ anzupacken gälte. Gelassenheit, sprich Intensitätsverweigerung, gilt ihr als Form psychischer Überlegenheit gegenüber allen Fährnissen des Lebens – doch hätten alle auf Unabänderliches, etwa den Tod, statt in heftiger emotionaler wie auch rationaler Abwehr nur in Gelassenheit geantwortet: Es gäbe weder Religion noch Philosophie noch Kunst.
Allerdings ist hier zu vermerken, daß diese Denk- und Fühlgebäude quasi als conditio sine qua non darauf gerichtet sein müssen, dem sterblichen Alpha, der wirklicher Wahrheit schwerlich standzuhalten vermag, in seiner Not beizustehen, ihm Trost und Erlösung zu verheißen: philosophisch vor allem durch transzendente Metaphysik. Nichts liebt Alpha mehr als die Entbindung in ein Ehernes, überbordet von einem großen Geheimnis: ausgedrückt in erhabenen Absoluta und ebensolchen Moralien.
Die psychische Verklammerung mit einem unsere Sterblichkeit Übersteigenden ist ganz offensichtlich, ebenso wie die notwendige Tabuisierung des Ganzen, denn tabuisiert wird, was man aller Kritik entziehen möchte, um es seiner psychischen Funktion wegen bewahren zu können.
Wir wissen es schon: Angst vor Nichtsein und daraus resultierend hoffen wollende Emotionen, verdrängen nur allzu oft die rationale Komponente des Menschen und präjudizieren ein bereits gerichtetes Ergebnis – und wenn im Irdischen allzusehr Vergänglichkeit wahrgenommen wird, wächst um so unvergleichbarer der Wunsch nach über diese Welt hinausreichender Geborgenheit und sei es durch die Illusion idealisch überhöhter (169) Väter- oder Mütterbilder in den Gottesvorstellungen, von denen er Rat und Tat erwartet, statt das Seine zu tun.
Alphas eigenes Verantwortungsbewußtsein erschöpft sich in der Befolgung bestehenden Rechtes und Gesetzes: Im Vorbeifahren mit 120 km/h erscheint selbst der kaputteste Wald nach wie vor grün.

Wie bereits eingangs angedeutet, stehen Gemeinschaft und Individuum einander fremd, ja konträr gegenüber.
Alpha ist schlicht eingepaßt. Während Omega sich eher am griechischen Ideal freien Nebeneinanders ausgeprägter Einzelpersönlichkeiten orientiert, hat für Alpha augenscheinlich die Einordnung in die Herde, in die wärmende, beschützende Gemeinschaft Vorrang, und er ist durchaus bereit, hierfür viel an Individualität zu opfern, mehr jedenfalls als einem Omega verständlich erschiene.
Das ursprüngliche, kindliche Ich ist auf die Befriedigung seiner ureigensten Wünsche konzentriert, mithin am anderen nur insoweit, insofern er als Wunschziel in Frage kommt. Ein solches Wunschziel kann durchaus auch die Gewähr größerer persönlicher Sicherheit durch viele sein, die das Leben in einer Gemeinschaft erstrebenswert erscheinen lassen, jedoch hat heutzutage kaum jemand die Freiheit, sich aus rationaler Überzeugung zu einer Gemeinschaft seiner Wahl zu bekennen, etwa einer, in der des einzelnen Wohl Vorrang vor der Gesellschaft habe: Von Kind an sind wir dem psychischen Druck der Anpassung an ein bereits Vorhandenes ausgesetzt, in dem erziehende Mitmenschen jede sich herausbildende Eigenständigkeit zumeist argwöhnisch betrachten.

Aus Omegas Blickwinkel nimmt die Gesellschaft mehr, als sie gibt. Sie behindert die freie Ausrichtung, verlangt Einordnung in bestehende Denk-, Glaubens- und Moralsysteme.
Diese unsere Gesellschaft gibt sich, etwa auf sexuellem Gebiet, freizügig, ist in Wahrheit aber innerlich verklemmt wie eh und je. Wenn man sich den Wust an Normen, an einengenden Zwängen, unterschwelligen Tabus, mehr oder weniger verbindlichen, offenen oder versteckten Regeln und gesellschaftlichen Sanktionen vor Augen führt, die diese Gesellschaft tatsächlich dem Individuum überstülpt: von anderen Gesellschaften, speziell den islamischen „Gottes“-staaten, ganz zu schweigen –, so darf es (170) einen nicht wundernehmen, wenn allenthalben – heimlich oder verheimlicht – Perversitäten zutage treten, die nur offenlegen, wie groß der gesellschaftliche Druck mittlerweile ist.
Mit der gesellschaftsgestaltenden Funktion so mancher Glaubenssysteme geht nicht nur einher, die allzu gemeinschaftsschädigende Verwirklichung von purem Egoismus einzudämmen, vielmehr ist man bemüht, die Bedeutung des Ich als ein selbst unmittelbar Verantwortliches zweckgerichtet aufzuheben; die im Über-Ich im Zuge der Kindesentwicklung sich allmählich repräsentierende Gesellschaft erkennt im Ich, insonderheit in einem Ich von besonderer Art, ihren natürlichen Feind, ja sie geht so weit, das Wünschen des Ich als die Quelle allen Übels überhaupt anzusehen und gaukelt vor, alle Individuation sei bloßer Schein nur. Wünsche verursachen bis zu ihrer Befriedigung Unlust, also geht das Bestreben auch dahin, die störenden Elemente: Ich und Wunsch – zu verneinen und in Wunschlosigkeit und Ich-Aufhebung alles Glück resp. den Frieden des Nirwana zu suchen.
Dabei mag eine uralte Schwermut zum Tragen kommen: die Sehnsucht nach prämembraner Wiedervereinigung mit dem Kosmos – und – noch einen Schritt weiter – nach Aufgabe der künstlichen, Kraft kostenden und letztlich vergeblichen Trennung von Lebens- und Todeswille.
Derartige lebens- resp. ichverneinende Tendenzen sind auch Omega, wenn auch aus anderen Gründen, gewiß nicht fremd, jedoch ist er von seiner Natur her zu sehr Individualist, als daß ihn solche Gedankengänge zu beeindrucken vermöchten: Die Welt wäre ihm arm ohne die herausragenden kulturellen Leistungen ausgeprägter Individuen.

Auf quasi halbem Wege bleibt unsere christlich-abendländische Gesellschaft stehen, wenn sie aus nämlichem Motiv den Wünschen zwar erbsündigen Charakter zuspricht und deren Befriedigung aus dem Diesseits herauszunehmen sucht, dann aber die Phantasie nutzt, um mit dem Heilsversprechen seligen Lebens in einem illusionierten Paradiese, offenbar gänzlich ungezügelte Wunschbefriedigung zuzusagen.
Dem folgsamen Ich: wie ärmlich für ein ganz fleischlos Gewordenes – wird Erhöhung seiner selbst mittels einer unsterblichen Seele zugestanden, der ewiges Leben garantiert wird, wenn schon nicht der Mensch als Ganzes fortdauern kann: Manche Gesell-(171)schaften erreichen damit immerhin die Bereitschaft zum Heldentod.

Wir wollen noch kurz die Frage beleuchten, warum einer in Alphas Welt, die soviel Lebenssicherheit garantiert, wenn man sich denn einpaßt, überhaupt zum Omega ersten oder gar dritten Grades werden kann, zu jemandem, den die Gesellschaft, um sich nicht auflösend zu gefährden, an den Rand drängen muß, wenn sie ihn nicht gleich ganz eliminiert.
Omega in spe denke ich mir als ein von Geburt an empfindsameres, damit verletzbareres Wesen, auf den ein frustrativer, allmählich accelerierender, dialektisch sich entwickelnder Prozeß einwirkt.
Vielleicht ein purer Zufall nur, der den zukünftigen Omega scheitern ließ, vielleicht auch eine Erziehung, die in besonderem Maße Höheres erwartete und jeden Fehler empfindlicher als bei anderen strafte, was auch eine Begabung zu verunsichern vermag.
Omega in spe wird wohl im Wust der Normen einmal heftig angeeckt sein; am Anfang stand wahrscheinlich ein Konflikt, der jedoch nicht, wie bei Alpha offenbar, durch eine größere angepaßte Leistung zugunsten der Gesellschaft aufgelöst wurde, sondern Anlaß zu neuen Frustrationen gab.
Auch der künftige Omega war zunächst gewiß bestrebt, es Alpha gleich zu tun, irgendwann aber wird Omegas Hirn einmal eine offenbare Ungerechtigkeit in der Welt der Alphanormen entdecken, und dies könnte die Keimzelle dafür sein, nun vermehrt mit Trotz nach den Hintergründen eines Verbots oder Gebots zu fragen.
Wenn solch ein Wesen dazu noch das außergewöhnliche Pech hat, rechtzeitig mit dem Denken eines bereits ganz Außenstehenden, etwa eines Schopenhauer, in Berührung zu kommen, wird er, mit weiteren Stacheln versehen, bestärkt dahin gelangen, nicht länger alles glatt nur hinzunehmen, was diese Gesellschaft in Tun und Denken unternimmt, die Schuld für Abweichung nur bei sich suchend, sondern nach der Wirklichkeit und Berechtigung solcher Maßstäbe fragen und – erneut schmerzhaft – erfahren, daß bei genauer Betrachtung nicht so sehr viel Wertvolles ist an dem, was allgemein erstrebt und an Ansprüchen erhoben wird, mit einem Wort, immer weitere, im Sinne eines circulus vitiosus sich fortsetzend steigernde Absonderung ist die Folge.
(172) Verhältnismäßig sarkastisch gesprochen produziert in wechselseitigem Abstoßungsprozeß gerade die abstoßendste Gesellschaft die meisten großen Geister: Man sagt, Deutschland haben deren besonders viele.
Doch schließt solch ein Hergang auch zunehmenden Verzicht auf Anerkennung und die damit verbundene soziale Wärme ein, so daß die immerwährende Tendenz besteht, diesen Ablauf abzubrechen, sofern nicht ohnehin unerwartet einsetzende plötzliche Zuwendung alles inhabiert und der Beinahe-Omega womöglich wieder in Einordnung verfällt – mit gelegentlichem Aufmucken nur noch: häufig in Form von Leserbriefen in den Tageszeitungen.
Acceleriert der Prozeß jedoch, so bleibt Omega, der selbst ganz genau wie jedes andere Wesen auch auf Wunschbefriedigung gerichtet ist, oft nur die Sublimation seiner Wünsche in der Welt seiner Tagträume und Phantasien, was einerseits zu herrlichen Erscheinungen führen kann, andererseits aber die Gefahr des Ichbruchs in der Psychose in sich birgt: Hölderlin mag ein Beispiel dafür sein.
Wem es gelingt, diese Klippe zu umschiffen, verharrt zeitlebens in mehr oder weniger großer Einsamkeit, von Schopenhauer, von Nietzsche eindrucksvoll beschrieben.
Die tiefe Sehnsucht nach – als Folge langer Entbehrung – möglichst überwältigender Zuwendung bleibt immer bestehen, doch gesellt sich dazu aus reiner Selbsterhaltung konträr auch heftige Verachtung des menschlichen Treibens.
Was anderen Angst bereiten mag: nicht dazuzugehören –, gerät bei Omega in einer Mischung aus Bitterkeit und Stolz zum kompensierenden Bewußtsein, sich über die Menge erhoben zu wissen.
So gehen letztlich Unzufriedenheit und Kreativität zusammen.

Die entscheidende Frage für Omega ist, was er eigentlich erwarten darf, wenn er sich in seinem Weltbild, auf divergierendem Kurs, so weit von allem Vermittelbaren entfernt, daß keine rechte Brücke mehr zu bauen ist.
Angelangt schließlich bei Nichts und bei Zufall als der Welt „Gründe“ würde Omega konsequent jedwede Transzendenz als bloße Illusion ad acta legen, und es schiene ihm, als ob der homo philosophicus alphaiensis sein Weltbild von einem metaphysisch Transzendenten ganz in der Nähe des credo quia absurdum von (173) einem Apriori des Wollens im Hinblick auf das Ergebnis a posteriori formuliert hätte.
Hier hinein gehören sie alle, die psychischen Repräsentanzen unserer Sehnsüchte: das Kantsche Ding an sich, Fichtes reines produzierendes Ich als der überindividuelle Kraftgrund des Einzelwesens, Schellings absolute Vernunft etc. etc. – und als Krönung Hegels absoluter Geist, die höchste Weltvernunft.

Omegas (und unser aller) einziges wirkliches Gut liegt im Diesseits: Für Omega ist die Welt weder zweckgerichtet, noch strebt sie aristotelischer Vervollkommnung entgegen, sie ist weder sinnfrei noch sinnvoll, sondern allenfalls als eine dionysische Tollheit begreiflich; seine Melancholie erklingt aus dem Bewußtsein des baldigen Endes, aus dem Bewußtsein der Vergeblichkeit.
Demgegenüber ist die Trauer des Menschen über seine Endlichkeit im Rahmen eines Erlösung verheißenden Glaubenssystems eine viel gemäßigtere Empfindung.

Keineswegs sollte Omega in den auch nur vorsichtigen Optimismus verfallen, manch immerhin bejahenden Überlegungen hätten irgendein Charisma für Alpha; sie sind ungeeignet, eine Vielzahl von Alphas zu mobilisieren -, im Konnex dazu bleibt Alpha vorsichtshalber am Rande des Evangeliums stehen.
Auf die Dauer freilich verhilft notorisches Gegenan nicht gerade zur Anerkennung: geheimstes Streben aller Omegas -, seitens einer im Bewährten fortfahren wollenden Gesellschaft und schließlich verbleibt demjenigen, der alles verneint, am Ende selber nichts.
Omega verstößt gegen intensiv besetzte Tabus; er erlebt, daß er nur Angst verbreitet und daher zurückgewiesen wird. Die Hauptschwierigkeit, vor der nicht genug gewarnt werden kann, ist also, sich im Rahmen von Vernunft so weit fortzubewegen, daß für Hoffnungserfüllung als einzig kompatiblem Element zur Gruppe der Alphas keinerlei Aussicht mehr besteht.

So also verwirbelt der kreative Bund einer Gesellschaft zumeist in sich selbst, gegen den mächtigen Strom des Althergebrachten vermag er nur wenig auszurichten: Der erzogene Mensch ist so neugierig denn nun doch wieder nicht.
(174) Dies mag bedauern, wer angesichts des Zustandes dieser Welt aus illusionsgebundenem Denken eine Neuorientierung fordert, ich sehe aber, es fehlt die Kraft dazu.
Schon dieses wenige, denke ich, genügt, um die Unvereinbarkeit der Standpunkte aufzuzeigen.
Omegas bis zuletzt massives Sendungsbewußtsein wird sich folglich darauf beschränken müssen, allenfalls zu einer kleinen Elite von Menschen, die da bereit sind, über Illusionen hinauszuwachsen, zu sprechen – vermutlich verharrt Omega jedoch schließlich in sich selbst; Omegas Denken hat keine ernsthafte Chance, doch:
Schließlich ist man Omega!
Wenn aber – wider alle nur irgend denkbare Wahrscheinlichkeit – Omegas Wahrheit denn doch allgemeine Zustimmung fände? Entsetzt würde Omega stante pede abbrechen, um zu neuen Ufern zu streben,
denn schließlich bleibt man Omega!

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