THIS IS SPARTA! Zitate von Leonidas I. (überliefert von Plutarch)

24. Mai 2015 § Ein Kommentar

Leonidas, des Anaxandridas Sohn.

1. Als jemand zu Leonidas, dem Sohne des Anaxandridas und Bruder des Kleomenes, sagte: „Die Königliche Würde ausgenommen, hast du nichts vor uns voraus!“, antwortete er: „Aber ich würde nicht König sein, wenn ich nicht besser wäre, als ihr!“

2. Als ihn sein Weib Gorgo, wie er nach den Thermopylen auszog, um mit den Persern zu streiten, fragte, ob er ihr etwas aufzutragen habe, antwortete er: „Nichts, als dass du mit Guten dich verheiratest und gute [Kinder] gebärest.“

3. Auf die Vorstellung der Ephoren, dass er zu wenige Leute mit nach den Thermopylen nähme, gab er zur Antwort: „Viele sind unserer zu der Unternehmung, zu der wir ziehen.“

4. Als sie ihre Vorstellungen wiederholten, ob er nicht anders sich bedacht, gab er die Antwort: „Dem Worte nach [bin ich entschlossen], den Barbaren den Zugang zu verwehren, der Tat nach aber, für Griechenland zu sterben!“

5. Bei seiner Ankunft zu Thermopylä redete er seine Soldaten also an: „Man sagt, die Barbaren seien in der Nähe, und wir ließen die Zeit verstreichen. Wohlan denn, wir wollen siegen über die Barbaren oder selbst sterben!“

6. Ein anderer behauptete, vor den Geschossen der Barbaren sei es nicht möglich, die Sonne zu sehen. „Das ist gut!“ antwortete er, „Wir werden also im Schatten kämpfen.“

7. Ein anderer brachte die Nachricht, dass die Feinde schon ganz nahe seien. „Dann sind auch wir ihnen nahe!“ war seine Antwort.

8. Als einer zu ihm sagte: „O Leonidas, du willst hier mit so Wenigen gegen so Viele ein entscheidendes Treffen liefern!“, antwortete er: „Wenn ihr mich nach der Menge beurteilt, so reicht auch ganz Hellas nicht hin; denn es ist ein geringer Teil, in Vergleich mit der Menge jener; seht ihr aber auf Tapferkeit, so ist auch diese Zahl hinreichend.“

9. Auf dieselbe Bemerkung eines andern gab er die Antwort: „Um zu sterben, bringe ich immer noch zu viele mit!“

10. Als Xerxes an ihn schrieb: „Du kannst, wenn du nicht mit den Göttern streiten, sondern auf meine Seite treten willst, Alleinherrscher von Griechenland werden.“, so schrieb er ihm zurück: „Wenn du wüsstest, worin das Glück des Lebens besteht, so würdest du aufhören, nach fremden Dingen zu streben, für mich aber ist es rühmlicher, für Hellas zu sterben, als über meine Mitbürger zu herrschen!“

11. Als Xerxes noch einmal an ihn schrieb: „Sende die Waffen!“, schrieb er zurück: ,,Komm und hole sie!“

12. Als er eben die Feinde angreifen wollte, forderten ihn die Polemarchen auf, die Ankunft der übrigen Bundesgenossen abzuwarten. „Sind denn die nicht da“, versetzte er, „welche streiten wollen? Wisst ihr denn nicht dass nur die mit den Feinden streiten, welche vor den Königen Scheu und Furcht haben?“

13. Seine Soldaten ermahnte er, das Frühstück zu nehmen, da sie das Mittagsmahl im Hades halten würden.

14. Auf die Frage, warum die Tapfersten einen ruhmvollen Tod einem ruhmlosen Leben vorzögen, antwortete er: „Weil sie glauben, dass das eine der Natur eigen sei, das andere aber ihnen selbst.“

15. Er wollte einige Jünglinge am Leben erhalten, und da er wusste, dass sie es öffentlich nicht würden geschehen lassen, gab er einem jeden von ihnen eine Scytala und schickte ihn damit zu den Ephoren. So wollte er auch drei Männer erhalten; diese aber merkten es und wollten die Scytala nicht annehmen; der Eine von ihnen sprach: „Ich bin dir gefolgt, nicht als Bote, sondern als Krieger!“, der Zweite: „Es wird für mich rühmlicher sein, hier zu bleiben!“, der Dritte: „Ich will nicht nach diesen, sondern zuerst streiten!“

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Wilfried Kähler über Omega

28. Februar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Es folgt ein bemerkenswertes Kapitel aus Wilfried Kählers (* 1936) lebensphilosophischem Hauptwerk „Im Abgrund des Nichts: Philosophische Studie über die Bewältigung der Seinsunsicherheit“ (Zweite überarbeitete Auflage, BoD 2003), die Seitenangaben werden in Klammern angegeben.


(163) Omega:

Der Mensch lebt in ständigem Konflikt zwischen den Anforderungen einer mit der Zeit immer repressiver gewordenen Gesellschaft und seinen ureigenen Zielen und Plänen der Lebensgestaltung, die ihm zum Teil noch nicht einmal bewußt werden, soweit sie von normierender Erziehung überlagert sind.
Die Regeln des Zusammenlebens, häufig dem Herdentriebe nachfolgend mit der Autorität eines Überwesens bedacht, entfalten über die psychische Instanz des Über-Ich ein beunruhigendes Eigenleben, das eine freiere Persönlichkeitsentwicklung behindert: Wie viele Menschen doch können sich prägenden, namentlich religiösen Beeinflussungen, vor allem im Kindesalter, aller Ratio zum Trotze zeitlebens nie mehr ganz entziehen. Hinzu kommt die immer schon erwähnte Tendenz jeder Gemeinschaft, Aggressionen, die sich sonst mit auflösender Tendenz im Inneren bemerkbar machen würden, nach außen abzulenken: Jede enge Gemeinschaft bedarf solchermaßen eines Feindbildes, wozu sie gern auch ihren Rand nutzt, ja ihn notfalls selbst produziert. Ein allzu selbständiges Ich wird von einer auf die Bildung eines Durchschnitts reduzierten Gemeinschaft als fremdartig empfunden und an den Rand verwiesen.
Die meisten allerdings legen, vielleicht auch als Folge nivellierender Erziehung, offensichtlich nur wenig Wert darauf, ihre Persönlichkeit zu entdecken und auszuschöpfen, sondern ordnen sich unschwer ein, ohne ihr Haupt zu erheben. Immer wieder aber ragen aus der Menge einzelne heraus, manche als deren Führer, andere als deren Kritiker.

Das durchschnittliche Endergebnis jedenfalls:
Der uniformierte, manipulierbare, unmündige, gehorchende Mensch als Herdentier, der eigenes Nachdenken scheut und seine Werte von oben empfangen möchte, der selbst in seiner revoltierenden Jugend, wenn er denn revoltiert, quasi uniform revoltiert: im von den Erwachsenen vorgegebenen Design -, wirkt geradezu erschreckend, und mancher verlangt nach Ecken und Kanten. Interessant ist erst die Vielfalt in Lebenskraft und Intensität: Eine globalisierte Welt, geprägt von einigen wenigen Wirtschaftsimperien, in der, gleichförmig vom Nordpol bis zum Südpol und über alle Längengrade, zu Fastfood Cola getrunken wird, bleibt immerhin einigen ein Greuel.
(164) Die Denkungsart eines am Rande Stehenden ist gewiß nicht jedermanns Sache und kaum Allgemeingut. Die Gesellschaft – der Gegenpol – denkt sich selbst als aufgeschlossen, modern und fortschrittlich, ist jedoch in Wahrheit eher konservativ.
Stets ist es nur eine Minderheit, die wirklich über den Tellerrand des Tages hinausgehen, hinausdenken will; einige wenige Exemplare des homo criticus, Randgestalten der Gesellschaft, die da versuchen, dem von Hektik und Streß, von Flüchtigkeit in jeder Hinsicht gekennzeichnetem Leben, der allgemeinen Bevormundung zu entgehen, um für sich die viel entscheidendere Frage zu beantworten: Wie gestalte ich mein Leben in Relation zur Gleichwertigkeit anderen Existenzrechtes einigermaßen erfüllt und sinnvoll, so gut es eben geht?
Ihnen ist es allzu billig, ihr Leben in blauäugigem Optimismus allein verbringen zu wollen, in jener Seichtheit des Denkens, die alle Qual, alles Leiden schlicht ausgrenzt, indem sie daran vorbeisieht, die so tut, als gäbe es für alles und jedes eine Lösung, kurzum in jener Form von blinder Heiterkeit, wie sie etwa in den Bildern der Nazarener zum Ausdruck kommt.
Diese Eigenmächtigkeit führt sie denn nur noch weiter an den Rand und uns zu Überlegungen über das Verhalten von Gesellschaft und deren Rand.
Zwischen dem Rand einer Gesellschaft und ihrer Mitte gibt es eine Vielzahl durchaus interessanter, wenn auch gelegentlich, vor allem für den Rand, gefährlicher Wechselbeziehungen. Scheinbar erfreut sich der Rand einer größeren, verlockend wirkenden Freiheit, und so kokettiert so mancher aus der Mitte mit den Gestalten am Rande aus dem uneingestandenen Wunsch, selbst auch ein wenig ausbrechen zu wollen, wenn man schon nicht selbst – etwa Künstler – ist, so doch mit dessen Status. Dieser Wunsch wird stellvertretend wie sublimiert erlebt, wobei gleichzeitig immer auch ein wenig herablassend behandelt wird, was man sich nicht traut, selbst anzustreben.

Ich greife in diesem Zusammenhange inhaltlich auf ein Seminar mit dem bekannten Lernpsychologen Prof. Corell zurück, der die enge Verwandtschaft von Kreativität und divergierendem Denken betont. Konvergierend sei das dem Gesellschaftsdurchschnitt eigene, sozusagen normale Denken, als divergierend wäre zu bezeichnen, was aus den gewohnten Bahnen ausbreche.
(165) Der Erfolgreiche dieser Gesellschaft sei regelmäßig ein konvergierender Denker: der fleißig intelligente, angepaßte Alpha-Typus. Dieser Begriff sei der Tierpsychologie entlehnt und bezeichne dort die Rangordnung: Omega ist der letzte in der Folge, auf ihn entlädt sich alle Aggression, wenn die Gruppe sich einer vermeintlichen oder tatsächlichen Bedrohung ausgesetzt fühlt.

Kreativität, d. h. die Fähigkeit, das Bisherige in Frage zu stellen, käme eher dem Rande der Gesellschaft, den Ausgegrenzten zu. „Jede Gesellschaft bedürfe zu ihrer Weiterentwicklung kreativer Denkergebnisse“, sagt Corell und fordert: „Divergierende Denker sollten daher in der Lage sein, ihr Denken in konvergierende Formen umzusetzen, um es auf diese Weise der Gesellschaft zugänglich zu machen“, was nachgerade einer Quadratur des Kreises gleichkäme.
Die Crux Omegas in seinem auf Veränderung gerichteten Streben liegt darin, motivieren zu müssen, ohne aber mit den großen Hoffnungen der Menschen übereinstimmen zu können. Sein kreativer Motor: Unzufriedenheit – rührt im allgemeinen von der Ausgrenzung her; ebenso erspürt die Gesellschaft instinktiv, daß Kreativität und Zerstörungslust zusammenhängen – Aggression (gegen die Mitte) aus Nichtteilhabe (an der Mitte) – und verhält sich weiter abweisend; der kritische Skeptiker war schon immer ein unangenehmer Störenfried.
So wenig ein echter Bund zwischen Ameise und Grille zu flechten ist, so sehr bleibt auch das Gedankenlicht Omegas ganz offenbar in sich ein allzu Fremdes, als daß er – pur genossen – für die Welt Alphas verträglich wäre.
Daher bedarf es sogenannter Epigonen, die energisch damit beschäftigt sind, das Ursprüngliche zu verwässern, und jeder Fixstern, um im Bild zu bleiben, zieht eine Unzahl Interpreten nach sich, die sich damit befassen, das Licht quasi spektral zu zerlegen, um es – Strahl für Strahl – mit intensiver Emsigkeit in den Rahmen des schon Gedachten einzuarbeiten. Beliebt sind „Kant als…“ und „Kant und …“-Themen.

Es zeigt sich uns also eine Art doppelter Ambivalenz: Alpha stößt Omega ab, ist aber gleichzeitig auf seine konvergierbaren Innovationen angewiesen, während Omega diese Gesellschaft zwar kritisch vom Rande her betrachtet, doch auch in Sehnsucht (166) nach breiter Anerkennung schmachtet – ein herzzerreißendes Beispiel ist ein Mann wie Schopenhauer.
Eben dieser versuchte, sich mit der Erkenntnis zu trösten, daß das Licht eines Fixsterns nun einmal Jahre brauche, um die Erde zu erreichen.

Alpha fühlt sich nur wohl in gesichertem Bereich: „Seine Philosophie wird sich mithin vorwiegend im Bereiche des bereits Beurteilbaren bewegen, in überaus intelligentem, historisierendem Vergleichen und vor allem Einordnen, und Alpha freut sich, wenn Omega, der das Gold im Ungesicherten sucht, dabei womöglich einen Irrtum beging. Alphas Verstehen bezieht sich eher auf die aufbereiteten Trümmer eines erratischen Blockes.
Statt auf individuelle Eigenständigkeit legt Alpha eher Wert auf Demut, was etymologisch gleichbedeutend ist mit dienendem Sinn. Ein Orden wird für herausragende Intensität in Angepaßtsein verliehen und persönlicher Stolz – ganz begriffswidrig, weil andere etwas an seiner Stelle geleistet haben – vorwiegend als Nationalstolz erlebt, d. h. durch Identifikationen mit ebenso großartigen wie unverstandenen Geistern: Deutsche berufen sich zu ihrer Erhöhung am liebsten auf einen ungelesenen Schiller oder Goethe. So gesehen, steht auch ein Kant mit dem Versuch reiner Vernunft ziemlich armselig da.

Während – nolens volens – Unzufriedenheit Dauerzustand des Omega ist, steht in ganzem Gegensatz dazu die durchschnittliche Alpha-Gesellschaft, die für sich nichts anderes als Zufriedenheit anstrebt und im Überschaubaren verharrt. Alpha neigt dazu, einmal angenommene Gewohnheiten, auch im Denken, unbedingt beizubehalten; jedwede Änderung löst Angstempfinden vor Unbekanntem aus.
Vermutlich wirkt als Relikt aus dem Überlebenskampfe in Vorzeiten ein intensiver Argwohn vor Neuem, nicht gleich Beherrschbarem, der sich in unserer abgesicherten Welt erhalten hat, und die mit divergierenden Denkergebnissen oft einhergehenden massiven Aufforderungen zu Veränderungen stehen gegen ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen, das, dem physikalischen Trägheitsgesetz entsprechend, gewissermaßen der Masse proportional ist. Überhaupt lassen sich viel mehr Naturgesetze auf die Molekülstruktur Mensch direkt anwenden, als es anthropozentrischem Empfinden lieb sein kann.
(167) Es hat ganz den Anschein, daß sich im Durchschnitt mit oder ohne Religion, mit oder ohne Philosophie, in guten wie in schlechten Zeiten, nichts, aber auch gar nichts in übersehbaren Zeiträumen entscheidend geändert hat.
Nicht besser oder schlechter als andere vor ihr oder neben ihr, verweigert sich die Gesellschaft in ihrer Allgemeinheit höherwertigen Interessen und ist mehr oder weniger von dem gekennzeichnet, was man seit jeher den Tanz um das goldene Kalb nannte. Man gebe der Masse panem et circenses, hieß es früher und so auch heute.
Allseits preist man die Weiterentwicklung des Menschen in Bildung, Wissenschaft und Kunst, lobt ungeheuren Fortschritt schlechthin und übersieht, blind geworden im Getöse des Jubels, wie wenig sich an der grundlegenden Struktur des Menschen realiter verändert hat. Die Alten und die Neuen sind sich im wesentlichen durchaus gleich geblieben. Alle Bildung, alle Wissenschaft, alle Kunst haben an der Beschaffenheit des Menschen als Gemeinschaftswesen nichts entscheidend abgewandelt, nach wie vor treiben ihn die gleichen grundlegenden Bedürfnisse und Erwartungen.

Was den Alten die Teilnahme an Gladiatorenkämpfen in einer römischen Arena war, das ist den Neuen das Star-Wars-Spiel von der CD am PC; das technische „Outfit“, auch sprachlich, hat sich in den wenigen Jahrtausenden, die wir recht zu überblicken vermögen, geändert: sonst nichts.
Wir erfreuen uns weltweiter Kommunikation im Nano-Bereich, will sagen in Echtzeit, inhaltlich aber geht es, insonderheit in den sogenannten Chatrooms, eher zu wie früher auf einem mittelalterlichem Marktplatz: Man schwätzt.
Ich möchte als Gegenpol dazu den zwar altmodischen, dennoch entschieden tiefreichenderen Briefwechsel der Schopenhauers anführen – ein Vergleich, der allerdings auf tönernen Füßen steht, als er doch eine Elite mit der Allgemeinheit gleichsetzt -, oder den Abschiedsbrief, den Epikur am Sterbebett an Idomeneus geschrieben hat:
„Den glücklichen Tag feiernd und zugleich als letzten meines Lebens vollendend, schreibe ich euch dies: Blasen- und Darmkoliken, die keine Steigerung der in ihnen wirkenden Heftigkeit zulassen, begleiten ihn. Doch all dem steht gegenüber die Freunde in meinem Herzen über die Erinnerung an die von uns (168) geführten Gespräche. Du aber zeige dich würdig deiner von Jugend an gegen mich und die Philosophie bewiesenen Freundschaft und sorge für die Kinder des Metrodoros.“
Wohl dem, der solches von sich zu sagen vermag.

Der Rand oszilliert, die Mitte beharrt und manche Menschen wirken wie gestorben lange schon vor ihrer Geburt, beschäftigt nur mit der Bewältigung des Alltags, eingemauert in ihren von blindem Hoffenwollen geprägten Weltbildern.
Wer nicht die Langeweile zufriedener Seelenzustände bevorzugt, hüte sich vor allem Angepaßtsein, mißachte das Urteil des Nachbarn und erhalte seine innere Eigenständigkeit.
Die Mitte verharrt lieber im Heute. Ein solches Leben erspart unbequeme Zukunftsprobleme, die es innovativ anzupacken gälte. Gelassenheit, sprich Intensitätsverweigerung, gilt ihr als Form psychischer Überlegenheit gegenüber allen Fährnissen des Lebens – doch hätten alle auf Unabänderliches, etwa den Tod, statt in heftiger emotionaler wie auch rationaler Abwehr nur in Gelassenheit geantwortet: Es gäbe weder Religion noch Philosophie noch Kunst.
Allerdings ist hier zu vermerken, daß diese Denk- und Fühlgebäude quasi als conditio sine qua non darauf gerichtet sein müssen, dem sterblichen Alpha, der wirklicher Wahrheit schwerlich standzuhalten vermag, in seiner Not beizustehen, ihm Trost und Erlösung zu verheißen: philosophisch vor allem durch transzendente Metaphysik. Nichts liebt Alpha mehr als die Entbindung in ein Ehernes, überbordet von einem großen Geheimnis: ausgedrückt in erhabenen Absoluta und ebensolchen Moralien.
Die psychische Verklammerung mit einem unsere Sterblichkeit Übersteigenden ist ganz offensichtlich, ebenso wie die notwendige Tabuisierung des Ganzen, denn tabuisiert wird, was man aller Kritik entziehen möchte, um es seiner psychischen Funktion wegen bewahren zu können.
Wir wissen es schon: Angst vor Nichtsein und daraus resultierend hoffen wollende Emotionen, verdrängen nur allzu oft die rationale Komponente des Menschen und präjudizieren ein bereits gerichtetes Ergebnis – und wenn im Irdischen allzusehr Vergänglichkeit wahrgenommen wird, wächst um so unvergleichbarer der Wunsch nach über diese Welt hinausreichender Geborgenheit und sei es durch die Illusion idealisch überhöhter (169) Väter- oder Mütterbilder in den Gottesvorstellungen, von denen er Rat und Tat erwartet, statt das Seine zu tun.
Alphas eigenes Verantwortungsbewußtsein erschöpft sich in der Befolgung bestehenden Rechtes und Gesetzes: Im Vorbeifahren mit 120 km/h erscheint selbst der kaputteste Wald nach wie vor grün.

Wie bereits eingangs angedeutet, stehen Gemeinschaft und Individuum einander fremd, ja konträr gegenüber.
Alpha ist schlicht eingepaßt. Während Omega sich eher am griechischen Ideal freien Nebeneinanders ausgeprägter Einzelpersönlichkeiten orientiert, hat für Alpha augenscheinlich die Einordnung in die Herde, in die wärmende, beschützende Gemeinschaft Vorrang, und er ist durchaus bereit, hierfür viel an Individualität zu opfern, mehr jedenfalls als einem Omega verständlich erschiene.
Das ursprüngliche, kindliche Ich ist auf die Befriedigung seiner ureigensten Wünsche konzentriert, mithin am anderen nur insoweit, insofern er als Wunschziel in Frage kommt. Ein solches Wunschziel kann durchaus auch die Gewähr größerer persönlicher Sicherheit durch viele sein, die das Leben in einer Gemeinschaft erstrebenswert erscheinen lassen, jedoch hat heutzutage kaum jemand die Freiheit, sich aus rationaler Überzeugung zu einer Gemeinschaft seiner Wahl zu bekennen, etwa einer, in der des einzelnen Wohl Vorrang vor der Gesellschaft habe: Von Kind an sind wir dem psychischen Druck der Anpassung an ein bereits Vorhandenes ausgesetzt, in dem erziehende Mitmenschen jede sich herausbildende Eigenständigkeit zumeist argwöhnisch betrachten.

Aus Omegas Blickwinkel nimmt die Gesellschaft mehr, als sie gibt. Sie behindert die freie Ausrichtung, verlangt Einordnung in bestehende Denk-, Glaubens- und Moralsysteme.
Diese unsere Gesellschaft gibt sich, etwa auf sexuellem Gebiet, freizügig, ist in Wahrheit aber innerlich verklemmt wie eh und je. Wenn man sich den Wust an Normen, an einengenden Zwängen, unterschwelligen Tabus, mehr oder weniger verbindlichen, offenen oder versteckten Regeln und gesellschaftlichen Sanktionen vor Augen führt, die diese Gesellschaft tatsächlich dem Individuum überstülpt: von anderen Gesellschaften, speziell den islamischen „Gottes“-staaten, ganz zu schweigen –, so darf es (170) einen nicht wundernehmen, wenn allenthalben – heimlich oder verheimlicht – Perversitäten zutage treten, die nur offenlegen, wie groß der gesellschaftliche Druck mittlerweile ist.
Mit der gesellschaftsgestaltenden Funktion so mancher Glaubenssysteme geht nicht nur einher, die allzu gemeinschaftsschädigende Verwirklichung von purem Egoismus einzudämmen, vielmehr ist man bemüht, die Bedeutung des Ich als ein selbst unmittelbar Verantwortliches zweckgerichtet aufzuheben; die im Über-Ich im Zuge der Kindesentwicklung sich allmählich repräsentierende Gesellschaft erkennt im Ich, insonderheit in einem Ich von besonderer Art, ihren natürlichen Feind, ja sie geht so weit, das Wünschen des Ich als die Quelle allen Übels überhaupt anzusehen und gaukelt vor, alle Individuation sei bloßer Schein nur. Wünsche verursachen bis zu ihrer Befriedigung Unlust, also geht das Bestreben auch dahin, die störenden Elemente: Ich und Wunsch – zu verneinen und in Wunschlosigkeit und Ich-Aufhebung alles Glück resp. den Frieden des Nirwana zu suchen.
Dabei mag eine uralte Schwermut zum Tragen kommen: die Sehnsucht nach prämembraner Wiedervereinigung mit dem Kosmos – und – noch einen Schritt weiter – nach Aufgabe der künstlichen, Kraft kostenden und letztlich vergeblichen Trennung von Lebens- und Todeswille.
Derartige lebens- resp. ichverneinende Tendenzen sind auch Omega, wenn auch aus anderen Gründen, gewiß nicht fremd, jedoch ist er von seiner Natur her zu sehr Individualist, als daß ihn solche Gedankengänge zu beeindrucken vermöchten: Die Welt wäre ihm arm ohne die herausragenden kulturellen Leistungen ausgeprägter Individuen.

Auf quasi halbem Wege bleibt unsere christlich-abendländische Gesellschaft stehen, wenn sie aus nämlichem Motiv den Wünschen zwar erbsündigen Charakter zuspricht und deren Befriedigung aus dem Diesseits herauszunehmen sucht, dann aber die Phantasie nutzt, um mit dem Heilsversprechen seligen Lebens in einem illusionierten Paradiese, offenbar gänzlich ungezügelte Wunschbefriedigung zuzusagen.
Dem folgsamen Ich: wie ärmlich für ein ganz fleischlos Gewordenes – wird Erhöhung seiner selbst mittels einer unsterblichen Seele zugestanden, der ewiges Leben garantiert wird, wenn schon nicht der Mensch als Ganzes fortdauern kann: Manche Gesell-(171)schaften erreichen damit immerhin die Bereitschaft zum Heldentod.

Wir wollen noch kurz die Frage beleuchten, warum einer in Alphas Welt, die soviel Lebenssicherheit garantiert, wenn man sich denn einpaßt, überhaupt zum Omega ersten oder gar dritten Grades werden kann, zu jemandem, den die Gesellschaft, um sich nicht auflösend zu gefährden, an den Rand drängen muß, wenn sie ihn nicht gleich ganz eliminiert.
Omega in spe denke ich mir als ein von Geburt an empfindsameres, damit verletzbareres Wesen, auf den ein frustrativer, allmählich accelerierender, dialektisch sich entwickelnder Prozeß einwirkt.
Vielleicht ein purer Zufall nur, der den zukünftigen Omega scheitern ließ, vielleicht auch eine Erziehung, die in besonderem Maße Höheres erwartete und jeden Fehler empfindlicher als bei anderen strafte, was auch eine Begabung zu verunsichern vermag.
Omega in spe wird wohl im Wust der Normen einmal heftig angeeckt sein; am Anfang stand wahrscheinlich ein Konflikt, der jedoch nicht, wie bei Alpha offenbar, durch eine größere angepaßte Leistung zugunsten der Gesellschaft aufgelöst wurde, sondern Anlaß zu neuen Frustrationen gab.
Auch der künftige Omega war zunächst gewiß bestrebt, es Alpha gleich zu tun, irgendwann aber wird Omegas Hirn einmal eine offenbare Ungerechtigkeit in der Welt der Alphanormen entdecken, und dies könnte die Keimzelle dafür sein, nun vermehrt mit Trotz nach den Hintergründen eines Verbots oder Gebots zu fragen.
Wenn solch ein Wesen dazu noch das außergewöhnliche Pech hat, rechtzeitig mit dem Denken eines bereits ganz Außenstehenden, etwa eines Schopenhauer, in Berührung zu kommen, wird er, mit weiteren Stacheln versehen, bestärkt dahin gelangen, nicht länger alles glatt nur hinzunehmen, was diese Gesellschaft in Tun und Denken unternimmt, die Schuld für Abweichung nur bei sich suchend, sondern nach der Wirklichkeit und Berechtigung solcher Maßstäbe fragen und – erneut schmerzhaft – erfahren, daß bei genauer Betrachtung nicht so sehr viel Wertvolles ist an dem, was allgemein erstrebt und an Ansprüchen erhoben wird, mit einem Wort, immer weitere, im Sinne eines circulus vitiosus sich fortsetzend steigernde Absonderung ist die Folge.
(172) Verhältnismäßig sarkastisch gesprochen produziert in wechselseitigem Abstoßungsprozeß gerade die abstoßendste Gesellschaft die meisten großen Geister: Man sagt, Deutschland haben deren besonders viele.
Doch schließt solch ein Hergang auch zunehmenden Verzicht auf Anerkennung und die damit verbundene soziale Wärme ein, so daß die immerwährende Tendenz besteht, diesen Ablauf abzubrechen, sofern nicht ohnehin unerwartet einsetzende plötzliche Zuwendung alles inhabiert und der Beinahe-Omega womöglich wieder in Einordnung verfällt – mit gelegentlichem Aufmucken nur noch: häufig in Form von Leserbriefen in den Tageszeitungen.
Acceleriert der Prozeß jedoch, so bleibt Omega, der selbst ganz genau wie jedes andere Wesen auch auf Wunschbefriedigung gerichtet ist, oft nur die Sublimation seiner Wünsche in der Welt seiner Tagträume und Phantasien, was einerseits zu herrlichen Erscheinungen führen kann, andererseits aber die Gefahr des Ichbruchs in der Psychose in sich birgt: Hölderlin mag ein Beispiel dafür sein.
Wem es gelingt, diese Klippe zu umschiffen, verharrt zeitlebens in mehr oder weniger großer Einsamkeit, von Schopenhauer, von Nietzsche eindrucksvoll beschrieben.
Die tiefe Sehnsucht nach – als Folge langer Entbehrung – möglichst überwältigender Zuwendung bleibt immer bestehen, doch gesellt sich dazu aus reiner Selbsterhaltung konträr auch heftige Verachtung des menschlichen Treibens.
Was anderen Angst bereiten mag: nicht dazuzugehören –, gerät bei Omega in einer Mischung aus Bitterkeit und Stolz zum kompensierenden Bewußtsein, sich über die Menge erhoben zu wissen.
So gehen letztlich Unzufriedenheit und Kreativität zusammen.

Die entscheidende Frage für Omega ist, was er eigentlich erwarten darf, wenn er sich in seinem Weltbild, auf divergierendem Kurs, so weit von allem Vermittelbaren entfernt, daß keine rechte Brücke mehr zu bauen ist.
Angelangt schließlich bei Nichts und bei Zufall als der Welt „Gründe“ würde Omega konsequent jedwede Transzendenz als bloße Illusion ad acta legen, und es schiene ihm, als ob der homo philosophicus alphaiensis sein Weltbild von einem metaphysisch Transzendenten ganz in der Nähe des credo quia absurdum von (173) einem Apriori des Wollens im Hinblick auf das Ergebnis a posteriori formuliert hätte.
Hier hinein gehören sie alle, die psychischen Repräsentanzen unserer Sehnsüchte: das Kantsche Ding an sich, Fichtes reines produzierendes Ich als der überindividuelle Kraftgrund des Einzelwesens, Schellings absolute Vernunft etc. etc. – und als Krönung Hegels absoluter Geist, die höchste Weltvernunft.

Omegas (und unser aller) einziges wirkliches Gut liegt im Diesseits: Für Omega ist die Welt weder zweckgerichtet, noch strebt sie aristotelischer Vervollkommnung entgegen, sie ist weder sinnfrei noch sinnvoll, sondern allenfalls als eine dionysische Tollheit begreiflich; seine Melancholie erklingt aus dem Bewußtsein des baldigen Endes, aus dem Bewußtsein der Vergeblichkeit.
Demgegenüber ist die Trauer des Menschen über seine Endlichkeit im Rahmen eines Erlösung verheißenden Glaubenssystems eine viel gemäßigtere Empfindung.

Keineswegs sollte Omega in den auch nur vorsichtigen Optimismus verfallen, manch immerhin bejahenden Überlegungen hätten irgendein Charisma für Alpha; sie sind ungeeignet, eine Vielzahl von Alphas zu mobilisieren -, im Konnex dazu bleibt Alpha vorsichtshalber am Rande des Evangeliums stehen.
Auf die Dauer freilich verhilft notorisches Gegenan nicht gerade zur Anerkennung: geheimstes Streben aller Omegas -, seitens einer im Bewährten fortfahren wollenden Gesellschaft und schließlich verbleibt demjenigen, der alles verneint, am Ende selber nichts.
Omega verstößt gegen intensiv besetzte Tabus; er erlebt, daß er nur Angst verbreitet und daher zurückgewiesen wird. Die Hauptschwierigkeit, vor der nicht genug gewarnt werden kann, ist also, sich im Rahmen von Vernunft so weit fortzubewegen, daß für Hoffnungserfüllung als einzig kompatiblem Element zur Gruppe der Alphas keinerlei Aussicht mehr besteht.

So also verwirbelt der kreative Bund einer Gesellschaft zumeist in sich selbst, gegen den mächtigen Strom des Althergebrachten vermag er nur wenig auszurichten: Der erzogene Mensch ist so neugierig denn nun doch wieder nicht.
(174) Dies mag bedauern, wer angesichts des Zustandes dieser Welt aus illusionsgebundenem Denken eine Neuorientierung fordert, ich sehe aber, es fehlt die Kraft dazu.
Schon dieses wenige, denke ich, genügt, um die Unvereinbarkeit der Standpunkte aufzuzeigen.
Omegas bis zuletzt massives Sendungsbewußtsein wird sich folglich darauf beschränken müssen, allenfalls zu einer kleinen Elite von Menschen, die da bereit sind, über Illusionen hinauszuwachsen, zu sprechen – vermutlich verharrt Omega jedoch schließlich in sich selbst; Omegas Denken hat keine ernsthafte Chance, doch:
Schließlich ist man Omega!
Wenn aber – wider alle nur irgend denkbare Wahrscheinlichkeit – Omegas Wahrheit denn doch allgemeine Zustimmung fände? Entsetzt würde Omega stante pede abbrechen, um zu neuen Ufern zu streben,
denn schließlich bleibt man Omega!

Zitate von Stefan Dehn

21. Mai 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Stefan Dehn ist ein Philosoph des 21. Jahrhunderts, der seine Leser noch finden wird. Um sein philosophisches Unterfangen zu fördern und noch mehr potenzielle Leser auf sein Schaffen aufmerksam zu machen, werde ich an dieser Stelle einige bemerkenswerte Zitate aus seinen Werken anführen, die auf seine Schriften neugierig machen sollen!

 

Napoleon geht zu Grunde (2010)

Es gibt kein Ziel, es gibt nicht einmal einen Weg, es gibt Nichts. Aber davon reichlich. (S. 8)

Die Konstruktion ermöglicht ein Leben, das sich aus einer Abfolge von Ereignissen und Höhepunkten zusammensetzt, doch es sind gerade die Tiefpunkte, die uns definieren. (S. 8)

Das Leben ist nicht bösartig, es hat keine unterschwelligen Aggressionen, es hat keine Intention, es will uns nichts böses, es will uns nichts Gutes, es will nur eins von uns: Dass wir sterben. Und bevor wir dem Sterben nachgehen, sollen wir im Idealfall neues Leben zurückgelassen haben, damit weiterhin reichlich Todesmaterial vorhanden bleibt, mit dem das Leben arbeiten kann, das es vernichten kann. (S. 8f.)

Dreißig Jahre mehr leben oder weniger leben ist nichts, was einen Unterschied macht, weil nichts einen Unterschied macht, weil Nichts ist. (S. 16)

Der Mensch in seiner Erbärmlichkeit tut alles, um andere als noch erbärmlicher zu zeichnen, um seine eigene Erbärmlichkeit verdecken zu können, doch gerade durch dieses erbärmliche Verhalten tritt die Erbärmlichkeit des Menschen noch deutlicher in Erscheinung. (S. 20)

Wir bilden den Nährboden für das künftige Leben und damit den Nährboden für das künftige Sterben. Von unserem Tod nähren sich die Parasiten wie Pflanzen und Getier. Die Menschen haben sich zeitlebens von Totem ernährt, tote Pflanzen, tote Tiere und fühlten sich lebendig. Bald werden sich andere von unseren Körperresten nähren, ernähren, und damit wird das Leben und Sterben durch uns in der Welt bleiben, wie wir dadurch in der Welt bleiben. (S. 24)

Ständig meine ich etwas tun zu müssen, wo ich doch genauso gut weiß, dass es nichts zu tun gibt. (S. 35)

Das Erkennen ist ein Erschrecken. (S. 57)

Wenn es eine Wahrheit gibt, die als Wahrheit bezeichnet werden kann, auch wenn sie womöglich alles andere als Wahrheit ist, sondern die größte Verblendung von allen darstellt, dann ist es die Subjektivität. (S. 66)

Wenn das Nichts anerkannt wird, dann lösen sich alle wesentlichen Probleme im Nichts auf. (S. 111)

Letzten Endes ist jedes Leben ein Leben auf Vorbehalt, der Tod erhebt sich mit der Geburt und startet den Zerfallsprozess. Er beschleunigt ihn oder er verzögert ihn. Leben ist Abwesenheit des Todes unter Vorbehalt. (S. 168)

Viele Preise werden vom Staat vergeben oder Großspendern, die dann ihre Wohltätigkeit feiern wollen und damit ihre Widerwärtigkeit zur Schau stellen. (S. 180)

Genau genommen ist alles im Leben Verschwendung der Daseinsabläufe, es gibt nichts Sinnvolles zu tun, nur die Illusion, die Zuschreibung von Sinn, erweckt den Eindruck, dass es etwas Gescheites zu tun gibt. (S. 499)

Erst der Mensch, der sein Ich lebt, egal wie es aufgenommen wird, der verfügt überhaupt erst über ein Ich. Die anderen Menschen sind angepasste Modelle, sind Kopien. (S. 550f.)

Napoleon, der Fremdzwang, der zum Selbstzwang umgewandelt wird, bewirkt den ersten Bruch mit dem Ich. Der Mensch vollführt nun ein Dasein, das von außen gesteuert wird, auch wenn es sich anfühlt, als sei es vom Inneren geleitet. Die Einheit muss wiederhergestellt werden, die Fremdzwänge, die Verblendung abgeworfen werden. (S. 555)

Nicht ich habe es mir unmöglich gemacht, mich zu integrieren, die Menschenwelt hat es unmöglich gemacht, dass Integration als eine sogenannte vernünftige Entscheidung angesehen werden kann. (S. 556)

Schreiben ist Entdeckung, von sich selber überrascht werden. (S. 629)

Der Mensch im Augenblick (2012)

In den Naturgesetzen hat sich der Mensch nur selber entdeckt und offengelegt, wie er die Natur sieht. (S. 191)

Ich weiß, in jedem Moment, in dem ich atme, spreche, schreibe, sterbe ich ab. Ich muss jahrzehntelang mit vollem Bewusstsein und offenen Auges meinem eigenen Untergang beiwohnen. Ist das nicht Wahnsinn? Ein erfreuliches Geschenk ist es jedenfalls nicht. (S. 201)

Wenn alles bedeutungslos ist, kein Sinn vorliegt, dann sollte es auch bedeutungslos sein, dass keine Bedeutung vorliegt [siehe dazu Yalom (1980), S. 479]. Die Schlussfolgerung, dass der Mangel an Bedeutung das Leben wertlos zeichnet, ist eine Schlussfolgerung, die innerhalb der Bejahung von Bedeutung vorgenommen wird. Es wird dem Satz, dass alles wertlos ist, eine Bedeutung beigemessen. (S. 268)

Die Gesammelten Werke Hegels sind erst einmal nur die Gesammelten Probleme Hegels. (S. 400)

Einführungskurse in die Philosophie sind schon von der Bezeichnung her unphilosophisch. Es kann nur in etwas eingeführt werden, das vollkommen überblickt wird. Wer kann schon die Philosophie überschauen und demnach in sie einführen? Besser wäre die Bezeichnung Hinwendung, nicht Einführung. (S. 418)

Das Streben nach Glück ist das Streben nach einem Menschenwort, das sich nicht auf die Wirklichkeit bezieht, sondern auf eine Wunschvorstellung. (S. 552)

Ausgewählte Blogeinträge aus dem Jahr 2012 [zu finden in: Gedankentagebücher 2014]

Ich habe Glück, kann es aber in dieser Menschenwelt nicht erhalten, weil sich noch kein Mensch allein durch seine Gedanken in dieser Menschenwelt ernähren, erhalten konnte, das ist mein Unglück. Wer genährt werden will, muss dem Stumpfsinn zuarbeiten. Dazu bin ich nicht mehr in der Lage. Ich bin nicht fern jeden Stumpfsinns, aber in dieser Reinform kann ich ihn nicht mehr produzieren. Ich habe mich in die Philosophie verliebt, genauer: in das Denken, und habe mich so aus der Menschenwelt herausgedacht.

Was große Denker auszeichnet: Sie leben nicht nur für das Denken, sondern das Denken wird zu ihrem Leben.

Denken in Fußnoten (2013)

In einer Welt der Gedankenlosigkeit leidet kein Mensch so viel wie ein denkender Mensch. (S. 304)

Und am Ende muss auch noch der Zweifel angezweifelt werden. Das würde manche zur Verzweiflung bringen. (S. 331)

Testament des Wahnsinns (2013) [Stefanicus Philosophicus]

Der Mensch wäre ohne Sprache verloren und ist in der Sprache verloren. Der Mensch beherrscht die Sprache nicht, sie beherrscht ihn. Ihre Begriffe leiten sein Leben. (S. 20)

Gedankentagebücher Dezember 2013 – November 2014

Wer seinen Körper ausführlich beobachtet, zum Beispiel auf die Atmungsvorgänge, wird bemerken, dass dies irgendwann sehr unangenehm werden kann, da realisiert wird, dass weder ein Einfluss auf die Atmung noch auf den Herzschlag vorliegt, man vollkommen vom Körper abhängig ist, dass er einem die Gnade oder die Last der Existenz gewährt/auferlegt.

Das schlimmste Urteil, was sich über ein Buch fällen lässt, lautet: Das war ja ein schönes Buch! Als wenn es darum geht, ob der Inhalt harmonisch, poetisch, schön ist. Ein viel wichtigeres Buch könnte ein grausames Buch sein, weil es die Ehrlichkeit, das Denken fördert. Wer denkende Bücher schreibt, dem ist es egal, ob Menschen das als angenehmes, schönes Buch betrachten.

Trost ist schon ein beschönigendes Ziel der Philosophie? Es gibt nichts, was Trost verspricht? Allerdings tröstet mich auch das Trostlose. Einfach weil es jemand ausspricht und man nun nicht mehr alleine ist. Schopenhauers Ehrlichkeit spendet Trost in einer Menschenwelt, die sich alles schön redet. Er versprach keinen guten Ausgang dieser Existenz, allerdings, die Aufrichtigkeit mit der er im Denken vorging, spendete Trost. Hier tröstete sozusagen der Schatten, nicht das Licht. Der Trost darf also nicht in Lügen enden. Sondern Trost durch Ehrlichkeit. Nicht heilendes Versprechen, sondern schonungslose Ehrlichkeit. Dass man nun weiß, es denkt noch jemand mit. Allein das ist schon eine gehörige Erleichterung.

Der Punkt ist, wer glaubt eine Illusion abgelegt zu haben, sich aus einer befreit zu haben, sogar nun endlich frei von jeder Illusion zu sein, der hat bloß noch nicht erkannt, in welchen Illusionen er augenblicklich feststeckt und welche er sich neu auferlegt hat, zum Beispiel: Die Illusion der Illusionsfreiheit.

Der Augenblick verliert an Schärfe, wenn die Bilder ununterbrochen strömen. Das Bild verstellt dann den Blick, da keine Unterbrechung, Störung für die erneute Scharfstellung sorgt.

Menschen setzen darauf, dass Kinder Sinn geben/spenden, erzeugen sie, und setzen damit nur die Sinnlosigkeit der Existenz fort.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber kann man nicht schweigen, da gar nicht gewusst wird worüber geschwiegen wird.

Ein ausgeprägtes Selbst zu haben, bedeutet ein ausgeprägtes Denken zu haben.

Das Gerede um die Zukunft der Philosophie, wo sie noch nicht einmal eine Gegenwart hat!

So ist Denken ein sehr einsames Geschäft, auch wenn Geschäft es nicht trifft. Geschäft signalisiert es besteht die Möglichkeit auf Gewinn. Aber im Leben meldet man bereits mit der Geburt Insolvenz an und verwaltet bis zum finalen Tod nur die Konkursmasse (Zellen).

Logik arbeitet mit einem Gedankenstartpunkt, den sie nicht mehr reflektiert. Sie agiert nicht vorannahmefrei.

Das Problem ist wohl weniger, sich nicht vom anderen verstanden zu fühlen, sondern Verständlichkeit zu erwarten von einer Welt, in der gar nichts zum Verstehen da ist.

Ist nicht jede Wahrnehmung auch eine Wertung? Der Blick, die Unterscheidung, der Begriff? Wohin blicke ich und wohin nicht?

Arbeitsbuch Sätze I (2014)

Anti-Sätze

439. Der Ernst des Lebens ist ein Witz.
638. Die Sprache ist eine Art Droge, in der sich wohl gefühlt wird, obwohl sich zunehmend darin verloren wird, der Existenzbezug als Ursprünglichkeit verloren wird.
658. Wer zu feige ist für sich zu sprechen, kann noch Professor der Philosophie werden, jedoch kein Philosoph.

Sätze I (Version 1.0)

34. Sprache zwingt mich zu unterscheiden, was als Ganzes keine Trennung ist. Sprache zwingt mich am Ganzen vorbeizuschauen.

Sätze I (Version 3.0)

40. Fast alle Philosophiebücher sind unwirksam, da sie eine Art Verstehen anbieten, statt die Fremde bestehen zu lassen.

Notizen September 2014

Philosophie versucht man nicht, man vollzieht sie.

Sollte Heuchelei ein Kriterium für soziale Kompetenz sein, dann bin ich lieber inkompetent.

Fremde (2014-2015)

Ich spreche nicht für andere, ich spreche nur für mich, und das, wie ich das beobachte, was ich beobachten kann.

Allerdings lässt sich einwenden, dass das Ganze sich nie als Ganzes beobachten kann. Dazu müsste es eine Position einnehmen können, die außerhalb des Ganzen steht und somit einen Blick auf das Ganze zulässt.

Ein Gott oder ein Seinsanfang der sich aus sich selbst heraus schafft, obwohl er noch gar nicht existent ist, wird wohl kaum jemand in ein Verstehen fügen können.

Existiert Wahrheit, ist sie nicht verborgen und muss daher auch nicht entdeckt werden.

Wahrheit kennt ihre eigene Wahrheit nicht. Es müsste schon über Wahrheit verfügt werden, um nach Wahrheit fragen zu können, um zu wissen, wonach gefragt wird, wenn nach Wahrheit gefragt wird.

Mein Körper atmet in jeder Sekunde und daran bin ich als bewusster Prozess nicht einmal beteiligt. Ich kann es, ohne es verstehen zu müssen.

Bei Kant untersucht das Gehirn das Gehirn. Das kann folglich nicht zu einem konsequenten Aufschluss führen, die Zirkularität kann nicht durchbrochen werden.

Wer vorübergehend lebt, erfährt mit jedem Herzschlag den Impuls jener Fremde als Existenz.

Natürlich lässt sich auch sagen Verantwortung bedeutet eine Antwort haben, ohne Antwort keine Verantwortung.

Nach meiner Auffassung liefert der Mensch nie Erklärungen, sondern isolierte Beschreibungen.

Ich halte das Verstehen für nicht verstanden und vermutlich auch nicht für verstehbar.

Wie der Mensch zu seinem Verstehen gelangt, ist entscheidend, ob sein Verstehen verstanden werden kann.

Ein Gott ist mit sich schon immer konfrontiert, ohne seine Grund-lage, sein Prinzip zu kennen. Was vor dem Gottsein da war, was der Anfang seines Gottseins ist, kann er nicht wissen, denn er war erst als Gott dabei, also nach dem Anfang.

Immer wieder suchen Menschen nach Beweisen, warum sie ein Wahrheitsverstehen haben, seltener suchen sie nach Gründen, warum sie ohne eins auskommen müssen.

Im Alltag benutze ich unzulängliche Begriffe und weiß dabei um deren Unzulänglichkeit. Ich führe zu vielen Begriffen eine Fußnote im Kopf herum. Ich spreche diese Fußnoten selten aus, da ich sonst jedem Gesprächsteilnehmer ausführlich von meinen Gedanken berichten müsste, und so genau möchte das im Alltag dann doch keiner wissen.

Die Bibel hat keinen Wert für das Universum. Sie existiert erst seit knapp 2000 Jahren und wird mit dem letzten Menschen wert-los, selbst wenn sie noch als Druckwerk irgendwo vor sich hin schimmelt.

Mit dem Nicht-Wissen gibt sich keiner ab, das Nicht-Wissen wird nicht für das geschätzt, was es sein kann. Die Möglichkeit in aller Grundsätzlichkeit, in aller Anfänglichkeit mit dem Denken zu beginnen. Stattdessen werden Schein-Lösungen präsentiert, die das Denken in vielerlei Hinsicht abwürgen.

Denken ist nicht unbedingt eine Frage der Klugheit, jedoch der Hartnäckigkeit. Wer sich nicht mit Schein-Antworten abspeisen lässt, kann mit seinem Nicht-Wissen viel mehr anfangen, als jene die mit ihrem Wissen bereits abgeschlossen haben.

Die Lebensnähe vieler Menschen besteht daraus, nah an ihrem Display zu kleben. Sich gedrängt, aber in Nähe, durch die Einkaufsstraßen der Stadt zu quälen. Nah am Puls der Zeit zu sein, in Form von gesellschaftlichen Bestrebungen, erfahrend durch den alltäglichen Austausch mit Arbeitskollegen im Büro. All das zeichnet die Lebensnähe vieler Menschen aus. Um dem Leben nahezukommen, muss sich dem Anfang als Anfang genähert werden oder gegebenenfalls die ganze Ferne sich bewusst gemacht werden. Dann wird das Leben nicht mehr selbstverständlich, Lebensfremde tritt ein. Ein lebensfremder Mensch zu werden ist bei all der heutigen selbstverkündeten wie medienpropagierten Lebensnähe ein sehr schweres Unterfangen. Wer am Puls der Zeit sein möchte, muss den Anfang der sogenannten Zeit erfahren. Die Jetzt-Augenblicke gleichen vielmehr Auswürfen der Zeit, Abfälle der Zeit, in der etwas vereinzelte Zeit für einzelne Lebewesen abfällt, aus der Ganzheit herausfällt, ohne dass ein Gefühl für diese Zeitlichkeit entstehen kann, da der Herzschlag der Zeit, sein Beweggrund, sein Anfangsgrund nicht vernommen wird. Seinen eigenen Pulsschlag zu fühlen ist kein Beleg für Lebensnähe. Der Pulsschlag ist Lebensfremde, er entspringt Fremde, er geht aus Unbestimmtheit hervor. Lebensnähe und Lebensferne, Hinwendung wie Abwendung, Zerstreuung, sind konkurrierende, in Feindschaft getretene Begrifflichkeiten. Kann es überhaupt Ab-lenkung geben, wenn es keine Hin-lenkung zu etwas gibt, alles Fremde ist? Hin-lenkung auf was, Hin-lenkung wohin?

Wenn der Körper nur Körperlichkeit wahrnimmt und dies nicht mit Wirklichkeit gleichgesetzt werden kann, als definitives Abbild der Welt, was nimmt der Körper dann eigentlich wahr? Er nimmt Wirken wahr, sein Körperwirken und wie die Wirkungen des Nicht-Körpers auf ihn einwirken und der Körper dieses Einwirken nur in dem eigenen Körperwirken wiedergeben kann. Dieses Wirken in seinen Zusammenhängen kann vom Menschen nicht aufgeklärt werden. Der Zusammenhang ist eine Verbindung mit allem, während das Ganze nicht nach einer Verbindung suchen muss, da es einen festen, nicht auftrennbaren »Bund« vorweist.

Wer sich entfremdet, wird oft als von dem ihm zugehörigen Weggebrochenen betrachtet, er ist in Entfernung, nicht in Nähe. Wer sich täuscht, kann sich enttäuschen, wer sich an etwas gewöhnt, kann sich entwöhnen. Mit Fremde kann das nicht gelingen, jede Distanzierung bleibt in Fremde verhaftet. Von Fremde kann sich nicht ent-fremdet werden, Fremde nie abgelegt werden. Fremde hat alles in ihrem Bann, da sie alles ist, was da ist. Der Glaube, es mit einem eigenen Willen zu tun zu haben, auch ganz ohne Wissen um den Anfang als Anfang, und damit ohne jede Wahrheit, leitet sich davon ab, da der Mensch in jeder Sekunde sich zu Fremde als Körperlichkeit wie Nicht-Körperlichkeit verhalten muss. Er muss einer Handlung nachgehen; sich nicht zu entscheiden, ist ebenfalls eine Handlung. In Fremde muss eine fremde Handlung vollzogen [werden]. Das lässt die Handlung noch nicht Wille sein, die ihren eigenen Willen kennt, die die Herkunft des Willens angeben kann.

Der Körper will nicht den Tod. Und doch stirbt der Körper ab, ob im Suizid oder im üblichen Ablauf des Zellverlustes. Der Körper und sein Zusteuern auf das dauerhafte Nicht-Funktionieren ist nicht der Wille des Körpers. Es geschieht. Der Körper handelt, solange er handeln kann, dennoch ist das kein Akt des Willens, sondern ein Akt des Vorhandenseins. Wer da ist, muss Handlungen vollziehen. Atmen wird nicht gewollt, es geschieht, Stuhlgang wird nicht gewollt, es geschieht. Jede Handlung ist eine unweigerliche Wertsetzung, ohne dass dieser Wertsetzungszwang den Wert zu etwas wertvollem macht.

In der Wanderschaft des Denkens begegnen einem ausschließlich Gedanken. Dieser Gedankenüberschuss, der ein Sprachübergewicht ist, setzt den Wert der Sprache unweigerlich zu hoch an. Das Denken der Menschen muss auf Wanderschaft sein, wer sich in und als Fremde bewegt, der geht hin und her, ohne zu wissen, worin er geht, denn er kann keine konkrete Verortung aufzeigen, die ein Geradeausgehen ermöglichen würde. Aus der Fremde kann nicht ausgebrochen werden, der Fremdefleck wandert mit jedem Schritt mit. Ohnehin bedeutet dem Denken auf der Spur zu sein bereits neben der Spur zu sein.

Das Ganze lässt sich nicht zusammenfassen, da es nur im Ganzen ganz ist.

Wie wenig die Zeit doch den Menschen nützt. Aristoteles hat vor über 2000 Jahren gelebt, und er war in vielen Dingen so viel klüger als die heutigen Menschen je sein werden. Denken ist eben kein Denkfortschritt, der zum nächsten Kopf überspringt, sondern er bleibt im einzelnen Denkkopf verhaftet – und geht mit diesem Denkkopf unwiderruflich unter. Daher steigert sich die Menschheit auch im Denken nicht, denn das Denken muss sich immer wieder von vorne angeeignet werden. Dazu fehlt den meisten die Muße. Das Denken bleibt im Einzelnen und der Einzelne stirbt weg. Ein Buch in der Bibliothek ist ein toter Gegenstand, solang es keiner liest und bedenkt. In einer Bibliothek wird kein Wissen bewahrt, dort stehen Bücher. Nur im Menschenkopf kann das Wissen bewahrt werden, als aktives Leben.

Jeder wird als unbeschriebenes Blatt geboren und gibt mit dem Tod das Beschriebene des Blattes wieder ab. Die Körperbeschaffungsvorgaben sind der Stift und das Blatt, die Rahmensetzung. Ein anderes Medium als dieser Körper und seine Möglichkeiten kann nicht gewählt werden, als Analogie eben der Stift und das Blatt und nicht ein Pinsel wie ein riesiges Gemälde. Der nächste Mensch muss wieder von vorne anfangen, auch wenn die vorgegebene Körperstruktur jeden reinen Anfang verhindert.

Das Ganze zu haben, würde jedes Urteil überflüssig machen.

Um das Verstehen zu verstehen, muss bereits alles verstanden worden sein.

Das Gehirn ist ein chronischer Vor-schreiber. Für Erkenntniszwecke wäre es besser, wenn es ein Abschreiber wäre. Stattdessen agiert es in Begriffen die es an die Welt heranträgt, an deren Bäumen Früchte und keine Begriffe wachsen. Das Gehirn blickt nicht die Welt begriffslos an und schreibt den »Text« der Welt ab, es schaut die Welt mit Begriffen an, schreibt den Text vor der Weltbegegnung und schreibt am Ende der Welt Begriffe vor und zu.

Die Wahrheit ist das Selbstverständliche, das sich aus sich selbst heraus versteht.

Neugeborene kämpfen um das Leben, sie wollen das Leben und wissen nicht wieso. Einfach weil nichts anderes zum Leben da ist, weil keine Gegenseite da ist. Da ist nur Leben da, der Tod ist keine Gegenseite, er ist gar keine Seite. Das macht Leben als eine Seite beziehungsweise als »Ganzes« noch nicht erstrebenswert. Nur im »Vergleich« zum Tod bezieht das Leben seine Qualitäten. Man kann nicht anders wollen als zu leben, weil im Tod kein Wollen mehr möglich ist. Das ist der Trick des Lebens, das ist der Grund warum es alle bejahen, unterstützten – einfach da nichts anderes vorliegt. Lebensergreifung aus Mangel an Alternativen.

Beim das Zu-denkende ist es erforderlich sich nicht von den angehäuften Schriftvorgaben, den Textbergen der Philosophen, terrorisieren zu lassen. Ihre Denkvorgaben müssen nicht den eigenen entsprechen. Die Philosophiegeschichte sollte nicht als Belastung aufgenommen werden, es darf jedoch auch nicht übereilig von ihr ent-lastet werden, denn erst mit ihrer Hilfe kann sich die nötige Denkschwere verabreicht werden. Das durch andere Gedachte muss in einem neu verpackt werden. Nicht in aller Leichtigkeit, sondern in aller erforderlichen Schwere, ohne sich von den irreführenden Gedankensteinen hinabziehen zu lassen. Alle Philosophien, die Gott als das Primäre festsetzen, sind unnötiger Ballast, da sie das Zu-denkende nicht mehr wagen.

Wer das Denken verschmäht, verschmäht die einzige Menschenmöglichkeit, verschmäht das, was den Menschen erst in der Selbstbeschreibung zum Menschen werden lässt.

Geeigneter als die Metapher Grund ist nach dem Anfang zu fragen, nach dem Unterschiedslosen aus dem sich später dann in aller Paradoxie Unterschiede ergeben.

Ohnehin verwundet sich das Denken selbst, wenn es seine eigene Denkkraft in die Frage stellt. Diese Wunde wollen viele gleich wieder schließen, indem sie sich ein Antworten-Pflaster aufkleben. Denkend auszubluten kann jedoch für das Denken sehr hilfreich sein. Dem ausgetrockneten Denken fehlt es an der nötigen Kraft für Lügen.

Gedankentagebuch 2015

Gott wird immer nur das Positive angerechnet, die Heilung, aber nie die Ursache, die eine Heilung notwendig macht. Gott als Segen wird erst eingeschaltet, wenn alles gut ging. Dann war es Gott. Gott hat den besten Job der Welt, geht es nicht gut, war sein Weg eben unergründlich.

Die Verführung gelingt, da die meisten Menschen sich nur allzu gerne von sich weg-führen lassen. Das Wohin der neuen Führung ist ihnen egal, solange es nicht zurück zu ihrem Ich führt.

Manche haben kein ausgeprägtes Ich, es verlangt ihnen daher nichts ab, sich für andere aufzuopfern. Sie opfern nicht Ihr Ich, da sie ohnehin auf der Flucht davor sind. Es ist daher keine große Opferleistung.

Wenn jemand zu mir sagt, du hast das und das ja nicht einmal ansatzweise verstanden. Dann kann ich immer aufrichtig antworten: Ganz genau, ich hab es nicht verstanden, ich habe kein Verstehen.

Ich kriege das Bild jener Mutter nicht aus dem Kopf, die ihren Kinderwagen neben die Eingangstür des Krankenhauses setzte, weil sie zu sehr mit dem Smartphone beschäftigt war. Und als es Rums machte, schaute sie nur kurz unverdutzt, korrigierte ihre Fahrtrichtung durch die Eingangstür, und schaute sofort wieder auf ihr Smartphone und so fuhr sie weiter blind durch die Krankenhaushalle. Trotz Erschütterung hat bei der Frau keine Reflexion eingesetzt. Thales wurde verlacht, da er in Beobachtungen versunken in den Brunnen fiel. Jene Smartphonefrau ist wie die thrakische Magd, sie hat ihre Welt als Alltagswelt. Und heute fallen diese Alltagsmenschen selber in den Brunnen, da sie nicht wie Thales auch mal woanders hinschauen, als auf ihr Smartphone.

Eine heile Welt ist nur jenen möglich, die die Trümmer ihres Selbst noch nicht erfahren haben.

Durchhalteparolen können nur wirken, wenn am Ende des Da-musst-du-durch etwas wartet, das dem Durch einen Halt gibt. Das Leben ist es schon mal nicht, denn es bricht weg. Für das Leben lässt sich nicht mit Durchhalteparolen motivieren.

Wohin soll man denn im Leben weiterkommen, frage ich? Man kommt ja nur bis zum Tod, das ist das größtmögliche Weiter. Wer im Leben weitergekommen ist, hat sich sofort umgebracht. Das verstehen die meisten aber nicht unter einem Weiterkommen, sondern sie verstehen darunter, sich mit dem Lebensblödsinn arrangiert zu haben, sich darin einzurichten. Da sind sie aber gar nicht weitergekommen, sie sind rückständig geworden, da sie nicht einmal erkannt haben, dass sich in dieses Leben nicht einrichten lässt, es wegbricht. Da war sogar Jesus schon weiter im Denken, der wusste, dass dieses elende Leben wegbricht. Wer eine Chance haben will, der erhält sie nur in einem anderen Reich. Daher legen manche ihren ganzen Wetteinsatz darauf, wie Pascal, oder andere wie Jesus eben seine ganzen Illusionen, seine ganze Kraft dahinein. Dieses wegsterbende Leben bietet keine Chancen. In dieses Leben zu investieren ist eine erwiesene Dummheit. In ein anderes Leben zu investieren wohl auch. Der Mensch kommt um die Dummheit wohl nicht ganz herum, aber er vergrößert seine Dummheit, wenn er glaubt, er sei nun weiter gekommen, weil er entweder das eine tue (Irdische als Paradies einrichten) oder b) aufs jenseitige Paradies zu warten.

Aphorismen von Dr. Michael Richter

20. Februar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor ein paar Tagen hat der von mir sehr geschätzte Aphoristiker Dr. Michael Richter begonnen, uns via Twitter (zu finden unter @AAphorismen) mit Aphorismen aus seinen bislang veröffentlichten Aphorismenbänden zu bereichern. In der Vergangenheit habe ich immer wieder gerne scharfsinnige und hintergründige Aphorismen von ihm auf Twitter angeführt, in der Hoffnung, dass auch andere Aphorismeninteressierte allmählich erkennen, dass es neben den allseits bekannten, gemeinfreien und totzitierten Autoren auch noch zeitgenössische Aphoristiker gibt, die zu ihren Lebzeiten als solche anzuerkennen sind und denen man auch noch zu Lebzeiten für ihre aphoristischen Höchstleistungen den ihnen gebührenden Respekt entgegenbringen sollte.
An dieser Stelle bette ich also gerne noch einmal einige Aphorismen von Dr. Michael Richter ein, die von mir vor einiger Zeit schon angeführt wurden:

Logau, Friedrich Freiherr von

10. Februar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Friedrich-von-Logau










Auszüge aus „Sämmtliche Sinngedichte“

[1]44. Geitzhals
Den Geitzhals und ein fettes Schwein
Schaut man im Tod erst nützlich seyn. (S. 42)

[1]47. Auff einen Ehrgeitzigen
Alle Menschen günnen dir, daß du möchtest Cäsar werden,
Doch mit dreiundzwantzig Wunden nieder liegend auff der Erden. (S. 43)

[1]58. Das Beste der Welt
Weistu, was in dieser Welt
Mir am meisten wolgefällt?
Daß die Zeit sich selbst verzehret,
Und die Welt nicht ewig währet. (S. 45)

[4]89. Eitelkeit
Es gilt ietzt nichts so hoch, als nichts; die Eitelkeit
Hat an sich alle Welt, Geschäffte, Leute, Zeit,
Daß gegen Nichts ist nichts die reiche Seligkeit. (S. 115)

[6]94. Thorheit
Wann Thorheit thäte weh, o, welch erbärmlich schreyn
Würd in der gantzen Welt in allen Häusern seyn! (S. 158)

[7]06. Das beste in der Welt
Das beste, das ein Mensch in dieser Welt erlebet,
Ist, daß er endlich stirbt, und daß man ihn begräbet.
Die Welt sey, wie sie wil; sie hab auch, was sie wil,
War sterben nicht dabey, so gilte sie nicht viel. (S. 160f.)

[8]71. Heutige Welt-Kunst
Anders seyn und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Thun und alles Tichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen wil befleissen,
Kan politisch heuer heissen. (S. 199f.)

[11]73. Thätligkeit
Wer nimmer nichts versucht, der weiß nicht, was er kan;
Die Übung würckt uns auß; Versuch, der führt uns an. (S. 265)

[11]93. Gegenwärtiger und vergangener Zustand
Glücke kennt man nicht, drinne man geboren;
Glücke kennt man erst, wann man es verloren. (S. 269)

[12]46. Ein menschlich Vieh
Mancher kan nichts, weiß Vernunfft rühmlich nicht zu weisen,
Suchet drum durch Unvernunfft, daß man ihn soll preisen. (S. 278)

[13]84. Flüchtige Zeit
Wer die Zeit verklagen wil, daß so zeitlich sie verraucht,
Der verklage sich nur selbst, daß er sie nicht zeitlich braucht. (S. 308)

[14]17. Schein der Freyheit
Die Freyheit ist der Strick, damit man Freyheit fängt;
Ie mehr man sie verdrückt, ie mehr man ihrer denckt. (S. 314)

[14]36. Menschliche Thorheit
Wann keine Thorheit mehr wird seyn,
So wird die Menschheit gehen ein. (S. 317)

[15]42. Verleumder
Die Mucken singen vor, eh als sie einen stechen:
Verleumder lästern drauff, in dem sie lieblich sprechen. (S. 336)

[16]85. Menschliche Unvollkummenheit
Daß wir unvollkummen sind, wann wir diß erkennen,
Kan man solch Erkäntnüß schon eine Beßrung nennen. (S. 360)

[17]87. Güter
Daß man ohne Sorgen lebe, sorgt man stets um Gut und Geld,
Das doch den, der es ersorget, immerdar in Sorgen hält. (S. 376)

2340. Wolthätigkeit
Wer Wolthat gibt, solls bald vergessen; wer Wolthat nimmt, solls nie vergessen;
Sonst ist um Undanck der zu straffen und jenem Hoffart zuzumessen. (S. 467)

2458. Ein Weiser unter Narren
Wer unter Narren wohnt, wie viel auch derer seyn,
Ist unter ihnen doch, als wer er gar allein. (S. 485)

2570. Die Welt
Sündlich zu-, geplaget in-, kläglich gehn wir auß der Welt;
Was ist der nur für ein Narr, der die Welt fürs beste helt! (S. 503)

2777. Zeiten und Gebräuche
Man hat gehört bey aller Zeit von bösen Zeiten sagen;
Die Sitten mag, die Zeiten nicht, wer witzig ist, beklagen. (S. 541)

3134. Wissenschafft
Nicht das viele wissen thuts,
Sondern wissen etwas guts. (S. 598)

3247. Vergnügligkeit
Seines Lebens und der Welt kan am besten der genissen,
Der das Grosse dieser Welt ihm begehret nicht zu wissen. (S. 616)

3407. Leben und Tod
In dem Leben wohnet Sterben; in dem Sterben wohnet Leben;
Lasse dir das Sterben lieben du, dem Leben nur ist eben! (S. 650)

(Tübingen, 1872)

Aelian

21. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Aelians Vermischte Nachrichten (14 Bücher)

Zweites Buch
14. Von der Vorliebe des Xerxes für eine Platane.
Xerxes war ein wunderlicher Mann. Was Zeus gemacht, Meer und Land, achtete er nicht; er schuf sich neue Straßen und einen ungewöhnlichen Seeweg; aber er wurde der Sklave einer Platane, der Verehrer eines Baums. In Lydien nämlich, erzählt man, fand er eine Platane von ungewöhnlicher Größe, und verweilte, ohne alle Veranlassung, einen ganzen Tag bei derselben, so daß ihm die Einöde bei der Platane statt einer Herberge dienen mußte. Außerdem behängte er sie noch mit kostbarem Schmuck, zierte ihre Zweige mit Halsbändern und Armspangen, und ließ einen Wärter bei ihr zurück, der sie, wie eine Geliebte, beschützen und bewachen sollte. Was erwuchs aber daraus dem Baume für ein Vortheil? Der künstliche und ganz fremdartige Schmuck hing zwecklos da, ohne zur Schönheit Etwas beizutragen. Denn zu eines Baumes Schönheit gehören wohlgewachsene Zweige, dichtes Laub, ein fester Stamm, tiefgehende Wurzeln, Winde, die ihn durchwehen, ein vielumfassender Schatten, der Wechsel der Jahreszeiten, und Wasser, theils in Kanälen zur Nahrung, theils vom Himmel herab zur Befeuchtung. Hingegen die Gewänder des Xerxes und das Gold des Barbaren und seine übrigen Geschenke waren weder der Platane, noch einem andern Baume angemessen. (S. 51f.)

34. Vom Alter
Epicharmus soll einst, als er schon in sehr hohem Alter gestanden, sich mit einigen ihm an Alter gleichen Männern unterhalten haben. Als nun von den Mitgliedern der Gesellschaft das eine sagte: fünf Jahre möchte ich noch leben; das andere: ich drei; das dritte: ich vier; — so fiel Epicharmus ein und sagte: „O ihr guten Leute, was streitet und zanket ihr um weniger Tage willen? Wir Alle, die ein Zufall hier zusammengeführt, stehen unserem Ziele nahe; darum ist es für uns Alle Zeit, abzusegeln, ehe wir noch eine Beschwerde des Alters gefühlt haben.“ (S. 66)

Drittes Buch
19. Von der Mißhelligkeit zwischen Aristoteles und Plato.
Zur Mißhelligkeit zwischen Aristoteles und Plato soll die erste Veranlassung gewesen seyn, daß Plato an Aristoteles Lebensweise und Art, sich zu tragen, keinen Gefallen fand. Auf seine Kleidung und Beschuhung verwendete nämlich Aristoteles eine übertriebene Sorgfalt; auch ließ er sich das Haar scheren, was für Plato ebenfalls etwas Ungewohntes war; überdieß prangte er mit den vielen Ringen, die er an den Fingern trug. In seinem Gesichte lag ein gewisser Hohn, und wenn er sprach, so verrieth auch eine unzeitige Geschwätzigkeit seinen Charakter. Wie wenig aber Dieß einem Philosophen gezieme, bedarf keines Beweises. Plato nun, der es bemerkte, nahm ihn nicht in seine Gesellschaft auf, sondern zog ihm den Xenokrates, Speusippus, Amyklas und Andere vor, die er neben anderen Ehrenerweisungen auch der Theilnahme an seinen Unterredungen würdigte. Als nun einmal Xenokrates nach Hause gereist war, machte Aristoteles einen Angriff auf Plato, indem er ihn mit einem Haufen seiner Schüler, worunter Mnason aus Phokis und Andern, umringte. Speusippus war damals krank und daher nicht im Stande, den Plato zu begleiten. Plato aber war bereits nahe an 80 Jahre alt, und seines Alters wegen war sein Gedächtnis geschwächt. Indem nun Aristoteles einen so wohl berechneten Angriff auf ihn machte, und mit vieler Eigenliebe und in einem gewissermaßen zurechtweisenden Tone verschiedene Fragen an ihn richtete, beging er offenbar eine Beleidigung, die nur aus einem schlechten Herzen kommen konnte. Deßwegen verließ auch Plato den Spaziergang außer dem Hause, und erging sich innerhalb desselben mit seinen Freunden. Nach drei Monaten kam Xenokrates von seiner Reise zurück, und traf auf seinem Spaziergange, wo er den Plato verlassen hatte, den Aristoteles an. Da er aber bemerkte, daß Dieser mit seinen Schülern sich vom Spaziergange nicht zu Plato begab, sondern für sich besonders in die Stadt zurückkehrte, so fragte er einen noch auf dem Spaziergange Befindlichen, wo denn Plato wäre; denn er dachte, derselbe sey krank. Er erhielt zur Antwort: Plato sey nicht krank, sondern weil ihn Aristoteles durch die ihm bereitete Unannehmlichkeit veranlaßt habe, sich vom Spaziergange zu entfernen, habe er sich in seinen Garten zurückgezogen, und widme sich dort der Wissenschaft. Kaum hatte Dieß Xenokrates erfahren, als er sich sogleich zu Plato begab. Er traf ihn im Gespräche mit seinen Schülern, achtungswerthen und besonders angesehenen jungen Männern, die in großer Anzahl um ihn versammelt waren. Als Plato die Unterredung beendigt hatte, begrüßte er, wie sich denken läßt, den Xenokrates sehr freundlich, und Xenokrates hinwiederum ihn nicht minder. Allein als die Mitglieder der Gesellschaft sich entfernt hatten, äußerte Plato eben so wenig gegen Xenokrates, als Dieser gegen Jenen. Xenokrates aber versammelte Platos Freunde, machte dem Speusippus sehr harte Vorwürfe, daß er dem Aristoteles den Spaziergang überlassen habe, griff nun seinerseits den Stagiriten so heftig als möglich an, und ging in seinem Eifer so weit, daß er Denselben vertrieb, und dem Plato seinen gewohnten Platz wieder verschaffte. (S. 93ff)

27. Von Platos Armuth, und wie er zur Philosophie kam
Ich habe eine Nachricht gefunden, von der ich jedoch nicht weiß, ob sie wahr ist; es ist diese. Plato, Aristons Sohn, war, wie man erzählt, von Armuth niedergedrückt, und im Begriff, in den Krieg auszuziehen. Als er eben sich Waffen kaufen wollte, traf ihn Sokrates, besprach sich mit ihm über Das, was seinen Verhältnissen angemessen war, und beredete ihn, sich auf die Philosophie zu legen; und Plato gab nun seinen raschen Entschluß auf. (S. 98)

36. Warum Aristoteles Athen verließ.
Als Aristoteles Athen aus Furcht vor gerichtlicher Untersuchung verließ, und ihn Jemand fragte: was Athen für eine Stadt sey, so antwortete er: „Eine sehr schöne; aber in ihr

Reiset Birn‘ auf Birne heran, und Feige auf Feige. (Hom. Odyss. VII, 120f.)

mit Hindeutung auf die Sykophanten. Und auf die Frage: warum er Athen verlassen habe? erwiederte er: weil er den Athenern nicht Veranlassung geben wolle, zum zweitenmal sich gegen die Philosophie zu versündigen, — eine Aeußerung, mit der er auf das Schicksal des Sokrates und seine eigene gerichtliche Verfolgung hindeutete. (S. 104)

Viertes Buch
1. Verschiedener Völker Gewohnheiten.
Ein Gesetz der Lukanier bestimmt: Wenn ein Hausbesitzer einen bei Sonnenuntergang ankommenden Fremden, der bei ihm einkehren will, nicht aufnimmt, so soll er wegen seines ungastlichen Benehmens zur Verantwortung gezogen und gestraft werden, wie mir däucht, mit Rücksicht auf Zeus Xenius eben so, wie auf den Ankömmling.
Die Dardaner in Illyrien werden, wie ich mir habe erzählen lassen, in ihrem ganzen Leben nur dreimal gewaschen, nach der Geburt, bei ihrer Verheirathung und nach ihrem Tode.
Die Indier leihen und entlehnen nie Geld auf Zinsen. Ein Jeder darf aber auch ebenso wenig Andere beeinträchtigen, als sich beeinträchtigen lassen. Deswegen stellen sie denn keine Schuldverschreibung oder Pfand aus.
Auf der Insel Sardinien herrschte der Gebrauch, daß die Söhne ihre Väter, wenn sie einmal ein hohes Alter erreicht hatten, mit Keulen todtschlugen und begruben, weil sie es für schimpflich hielten, daß ein Mann in so hohem Alter noch lebe, da er manchen Fehler begehe, wenn sein Körper durch das hohe Alter entkräftet sei. Auch bestand dort ein Gesetz, das für die Unthätigkeit Strafen bestimmte; wer ohne Beschäftigung lebte, mußte vor Gericht Rechenschaft geben und nachweisen, wovon er lebe.
Die Assyrier lassen die mannbaren Jungfrauen in einer Stadt zusammenkommen, und bieten sie öffentlich feil. Jeder führt sodann die, die er gekauft, als Braut heim.
Wenn ein Einwohner von Byblos auf der Straße Etwas antrifft, das er nicht hingelegt hat, so nimmt er es nicht; denn er hält es nicht für einen Fund, sondern für ungerechtes Gut.
Bei den Derbikkern werden alle Personen, welche über 70 Jahre alt werden, getödtet; die Männer werden als Opfer geschlachtet, die Weiber gehängt.
Die Kolchier begraben ihre Todten in Fellen und nähen sie in Thierhäute ein und hängen sie so an Bäumen auf.
Bei den Lydiern war die Gewohnheit, daß die Frauen, ehe sie in die Ehe traten, mit Männern Buhlerei trieben, sobald sie aber einmal vermählt waren, züchtig lebten. Verging sich eine Frau mit einem fremden Manne, so konnte sie nimmermehr Verzeihung erhalten. (S. 113f.)

9. Von Platos Anspruchlosigkeit und Aristoteles Undankbarkeit.
Plato, Aristons Sohn, wohnte zu Olympia mit Leuten zusammen, die ihm eben so unbekannt waren, als er ihnen. In einfacher Weise speiste und lebte er überhaupt mit ihnen, und wußte sie durch seinen Umgang so an sich zu ziehen und zu fesseln, daß die Fremden über das Zusammentreffen mit einem solchen Manne sich nicht genug freuen konnten. Er gedachte aber weder der Akademie, noch des Vorrates; nur das Einzige theilte er ihnen mit, daß er Plato heiße. Sie kamen darauf nach Athen, und Plato nahm sie sehr freundschaftlich auf. Da sagten die Fremden: „Nun, Plato, zeige uns auch den Dir gleichnamigen Schüler des Sokrates; führe uns in seine Akademie, und stelle uns ihm vor, damit wir auch von ihm einen Genuß haben.“ Ruhig lächelnd, wie gewöhnlich, antwortete er ihnen: „Nun, der bin ich.“ Da staunten sie, und wunderten sich, daß sie einen so großen Mann um sich gehabt und doch nicht erkannt hätten, wegen seines anspruchlosen und ungekünstelten Benehmens gegen sie, durch das er bewiesen habe, er sey auch ohne seine gewöhnlichen Vorträge für Jeden anziehend, der mit ihm umgehe.
Plato nannte den Aristoteles Polos [Füllen]. Was wollte er mit dieser Benennung sagen? Bekannt ist ja, daß das Füllen, wann es der Muttermilch satt geworden, nach seiner Mutter ausschlägt. Plato wollte nun auch andeuten, daß Aristoteles sich undankbar gezeigt habe. Denn nachdem Dieser die Hauptgrundsätze der Philosophie und die Mittel zu seiner Fortbildung von Plato empfangen, und nun des Trefflichen genug in sich aufgenommen hatte, entledigte er sich des Zügels, errichtete Jenem gegenüber eine eigene Schule, bezog mit seinen Freunden und Schülern die Gänge des Lyceums (den Peripatus), und machte es sich zum Geschäfte, als Platos Widersacher aufzutreten. (S. 120f.)

29. Etwas Lächerliches von Alexander.
Ich kann mich nun einmal nicht enthalten über Alexander, Philipps Sohn, zu lachen. War er ja doch, als er von den unzähligen Welten hörte, deren Daseyn Demokritus in seinen Schriften behauptete, ärgerlich darüber, daß er noch nicht einmal über die Eine bekannte Herr geworden sey. Wie sehr erst Demokritus selbst über ihn gelacht haben würde, er, der sich das Lachen zum Geschäfte machte, habe ich wohl kaum nöthig anzumerken. (S. 132f.)

Fünftes Buch
9. Von Aristoteles.
Nachdem Aristoteles sein väterliches Vermögen verschwendet hatte, trat er in Kriegsdienste, und als er dieselben auf eine schmähliche Weise verlassen, trat er als Arzneikrämer auf. Unbemerkt schlich er sich in den Peripatus ein, hörte die dort gehaltenen Vorträge, und legte, vermöge seiner ausgezeichneten Fähigkeiten den Grund zu der Geschicklichkeit, die er sich nachher erwarb. (S. 138)

Achtes Buch
14. Von Diogenes Lebensende.
Als Diogenes von Sinope schon tödtlich krank war, schleppte er sich noch, wie er war, auf ein Brückchen in der Nähe einer Uebungsschule, legte sich dort nieder und gab dem Aufseher der Ringschule den Auftrag, ihn in den Ilissus zu werfen, sobald er bemerke, daß er nicht mehr athme. So gleichgültig zeigte sich Diogenes gegen Tod und Begräbniß. (S. 182)

Zwölftes Buch
8. Von Cleomenes trügerischem Benehmen gegen Archonides.
Der Lacedämonier Cleomenes machte seinen Freund Archonides zu seinem Vertrauten und Gehilfen bei seiner Unternehmung, und schwur ihm, wenn er die Oberhand behalte, bei seiner Staatsverwaltung sich auch an seinen Kopf wenden zu wollen. Als er nun zur Regierung gelangte, tödtete er seinen Freund, schnitt ihm den Kopf ab und legte ihn in ein Gefäß mit Honig. So oft er nun ein Geschäft vornahm, bückte er sich über das Gefäß und erklärte, was er zu thun im Sinne hatte. So, sagte er, breche er seinen Vertrag und seinen Eid nicht, da er sich ja mit des Archonides Kopf berathe. (S. 244)

[Übersetzt von Ephorus Dr. Wunderlich zu Schönthal, Verlag der J. B. Metzler‘schen Buchhandlung, Stuttgart 1839]

Lichtenberg, Georg Christoph

16. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Sudelbücher

Öfters allein zu sein und über sich selbst zu denken und seine Welt aus sich zu machen kann uns großes Vergnügen gewähren, aber wir arbeiten auf diese Art unvermerkt an einer Philosophie, nach welcher der Selbstmord billig und erlaubt ist, es ist daher gut, sich durch ein Mädchen oder einen Freund wieder an die Welt anzuhaken, um nicht ganz abzufallen.
(B 262)

Vernunft und Einbildungskraft haben bei ihm in einer sehr unglücklichen Ehe gelebt.
(B 275)

Es ist ein Fehler, den der bloß witzige Schriftsteller mit dem ganz schlechten gemein hat, dass er gemeiniglich seinen Gegenstand eigentlich nicht erleuchtet, sondern ihn nur dazu braucht, sich selbst zu zeigen. Man lernt den Schriftsteller kennen und sonst nichts. So hart es auch zuweilen widergehen sollte eine witzige Periode wegzulassen, so muss es doch geschehen, wenn sie nicht notwendig aus der Sache fließt. Diese Kreuzigung gewöhnt allmählich den Witz an die Zügel die ihm die Vernunft anlegen muss, wenn sie beide zusammen mit Ehren auskommen sollen.
(B 310)

[…] Es ist eine Schande, die meisten unserer Wörter sind missbrauchte Werkzeuge, die oft noch nach dem Schmutz riechen, in dem sie die vorigen Besitzer entweihten. […]
(B 346)

Er kann sich einen ganzen Tag in einer warmen Vorstellung sonnen.
(C 38)

Es war ihm unmöglich die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.
(C 158)

Unsere Welt wird noch so fein werden, dass es so lächerlich sein wird einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster.
(D 329)

Dass der Mensch das edelste Geschöpf sei lässt sich auch schon daraus abnehmen, dass es ihm noch kein anderes Geschöpf widersprochen hat.
(D 331)

Der Mann hatte so viel Verstand, dass er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war.
(D 451)

Ich übergebe euch dieses Büchelchen als einen Spiegel um hinein nach euch und nicht als eine Lorgnette um dadurch und nach andern zu sehen.
(D 617)

Nichts kann mehr zu einer Seelen-Ruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat.
(E 63)

[…] man muss viel selbst beobachtet haben, um die Beobachtungen anderer so gebrauchen zu können, als wenn es eigne wären, sonst liest man sie nur, und sie gehen ins Gedächtnis, ohne sich mit dem Blut zu vermischen […]
(E 265)

Wie geht’s, sagte ein Blinder zu einem Lahmen. Wie Sie sehen, antwortete der Lahme.
(E 385)

Leute, die sehr viel gelesen haben machen selten große Entdeckungen. Ich sage dieses nicht zur Entschuldigung der Faulheit, denn Erfinden setzt eine weitläuftige Selbstbetrachtung der Dinge voraus, man muss mehr sehen als sich sagen lassen.
(E 467)

Wenn Leute ihre Träume aufrichtig erzählen wollten, da ließe sich der Charakter eher daraus erraten, als aus dem Gesicht.
(E 494)

Ich habe Leute gekannt, die haben heimlich getrunken und sind öffentlich besoffen gewesen.
(F 95)

Man muss zuweilen trinken, um den Ideen, die in eines Gehirn liegen, und den Falten mehr Geschmeidigkeit zu geben, und die alten Falten wieder hervor zu rufen.
(F 105)

Man empfiehlt Selbst-Denken oft nur, um die Irrtümer anderer beim Studieren von Wahrheit zu unterscheiden. Es ist ein Nutzen, aber ist das alles? Wie viel unnötiges Lesen wird uns erspart. Ist denn Lesen Studieren? Es hat jemand mit großem Grunde der Wahrheit behauptet, dass die Buchdruckerei Gelehrsamkeit zwar mehr ausgebreitet, aber im Gehalt vermindert hätte. Das viele Lesen ist dem Denken schädlich. Die größten Denker, die mir vorgekommen sind, waren gerade unter allen den Gelehrten, die ich habe kennen gelernt die, die am wenigsten gelesen hatten. Ist denn Vergnügen der Sinne gar nichts?
(F 439)

Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in andern, sondern hasst sich auch in andern.
(F 450)

Es ließe sich ein philosophisches Traumbuch schreiben, man hat, wie es gemeiniglich geht, seine Altklugheit und Eifer die Traumdeutungen empfinden lassen, die eigentlich bloß gegen die Traumbücher hätte gewendet werden sollen. Ich weiß aus unleugbarer Erfahrung, dass Träume zu Selbst-Erkenntnis führen. Alle Empfindung, die von der Vernunft nicht gedeutet wird, ist stärker. Beweis das Brausen in den Ohren während des Schlafs, das bei Erwachen nur sehr schwach befunden wurde. Dass es mir alle Nacht von meiner Mutter träumt und dass ich meine Mutter in allem finde ist ein Zeichen wie stark jene Brüche des Gehirns sein müssen, da sie sich gleich wieder herstellen, so bald das regierende Principium den Szepter niederlegt. Merkwürdig ist, dass einem zuweilen von Straßen der Vaterstadt träumt, man sieht besondere Häuser, die einen frappieren, bald darauf aber besinnt man sich und findet (wie wohl es falsch ist), es sei ehmals so gewesen.
(F 684)

Ich empfehle Träume nochmals; wir leben und empfinden so gut im Traum als im Wachen und sind jenes so gut als dieses, es gehört mit unter die Vorzüge des Menschen, dass er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht. Der Traum ist ein Leben, das, mit unserm übrigen zusammengesetzt, das wird, was wir menschliches Leben nennen. Die Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, man kann nicht sagen, wo das Wachen eines Menschen anfängt.
(F 743)

Bei manchem Werk eines berühmten Mannes möchte ich lieber lesen, was er weggestrichen hat, als was er hat stehen lassen.
(F 998)

Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.
(G 13)

Was man feine Menschenkenntnis nennt, ist meistens nichts als Reflexion, Zurückstrahlung eigener Schwachheiten von anderen.
(G 17)

Menschen, die sich auf die Beobachtung ihrer selbst gut verstehen und sich damit heimlich groß wissen, freuen sich oft über die Entdeckung eigner Schwachheit, wo die Entdeckung sie betrüben sollte. […]
(G 22)

Wovon das Herz nicht voll ist, davon geht der Mund über, habe ich öfters wahr gefunden, als den entgegengesetzten Satz.
(G 51)

Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.
(G 82)

Das Buch, das in der Welt am ersten verboten zu werden verdiente, wäre ein Katalogus von verbotenen Büchern.
(G 150)

Er hatte gar keinen Charakter, sondern wenn er einen haben wollte, so musste er immer erst einen annehmen.
(G 188)

Man kann nicht leicht über zu vielerlei denken, aber man kann über zu vielerlei lesen. Über je mehrere Gegenstände ich denke, das heißt, sie mit meinen Erfahrungen und meinem Gedankensystem in Verbindung zu bringen suche, desto mehr Kraft gewinne ich. Mit dem Lesen ist es umgekehrt: ich breite mich aus, ohne mich zu stärken. Merke ich bei meinem Denken Lücken, die ich nicht ausfüllen, und Schwierigkeiten, die ich nicht überwinden kann, so muss ich nachschlagen und lesen. Entweder dieses ist das Mittel, ein brauchbarer Mann zu werden, oder es gibt gar keines.
(G 208)

Lass dich deine Lektüre nicht beherrschen, sondern herrsche über sie.
(G 210)

Wenn jemand alle glücklichen Einfälle seines Lebens dicht zusammen sammelte, so würde ein gutes Werk daraus werden. Jedermann ist wenigstens des Jahrs einmal ein Genie. Die eigentlich so genannten Genies haben nur die guten Einfälle dichter. Man sieht also, wie viel darauf ankommt, alles aufzuschreiben.
(G 228)

So viel ist ausgemacht, die christliche Religion wird mehr von solchen Leuten verfochten, die ihr Brot von ihr haben, als solchen, die von ihrer Wahrheit überzeugt sind. Man muss hier nicht auf gedruckte Bücher sehen, das ist das Wenigste, die bekommen Tausende nicht zu lesen, sondern auf die Personen, die täglich an ihrer Aufrechterhaltung schnitzeln und stümpern, und auf Universitäten vom Freitische an dazu erzogen und verzogen werden.
(G 238)

Ich wollte, dass ich mich alles entwöhnen könnte, dass ich von neuem sehen, von neuem hören, von neuem fühlen könnte. Die Gewohnheit verdirbt unsere Philosophie.
(H 21)

Das Sammeln und beständige Lesen ohne Übung der Kräfte hat das Unangenehme, welches ich seit einigen Jahren […] bei mir bemerke, dass sich alles an das Gedächtnis und nicht an ein System hängt. Daher fallen mir beim Disputieren oft die besten Argumente nicht so leicht bei, wie wenn ich allein bin, oder eigentlich, ich muss mir wirklich erfinden was ich schon wusste, aber gemeiniglich erst in dem Augenblicke erfahre ich, dass ich es wusste, wenn es mir nichts nützt, es gewusst zu haben.
(H 168)

Zu Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich, und jeder der je geschrieben hat, wird gefunden haben, dass Schreiben immer etwas erweckt was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag.
(J 19)

Die Träume können dazu nützen, dass sie das unbefangene Resultat, ohne den Zwang der oft erkünstelten Überlegung, von unserm ganzen Wesen darstellen. Dieser Gedanke verdient sehr beherzigt zu werden.
(J 72)

Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht ist beständig zu sagen, was vorzüglichste Menschen, oder überhaupt der größte Teil denkt oder fühlt ohne es zu wissen, die Mittelmäßigen sagen nur, was jeder würde gesagt haben. […]
(J 222)

Als Murray am 3ten Jänner 1790 bei mir war sagte er: Die Zeit ist eigentlich das Vermögen des Gelehrten und dieses sprach er als einen Gedanken aus mit dem er sehr bekannt zu sein schien, und den er öfters im Kopfe herumgeworfen haben muss, und daher schrieb ich ihn auch auf.
(J 240)

Wer weniger hat als er begehret, muss wissen dass er mehr hat als er wert ist.
(J 304)

Vom Wahrsagen lässt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.
(J 787)

Man liest jetzt so viele Abhandlungen über das Genie, dass jeder glaubt er sei eines. Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält.
(J 956)

Man lacht, und mit Recht, über den Versuch jenes Menschen, der seinem Pferde
das Fressen abgewöhnen wollte. Es starb aber leider! Grade an dem Tage, da die größte Hoffnung war, ihm die Kunst endlich beizubringen. […]
(J 1043)

Die Natur hat die Frauenzimmer so geschaffen, dass [sie] nicht nach Prinzipien, sondern nach Empfindung handeln sollen.
(J 1059)

Den Mann nenne ich groß, der viel gedacht und gelesen und erfahren hat und der alles, was er gedacht, gelesen und erfahren hat, bei jeder Sache die er unternimmt – also auch bei jedem Buch, das er schreibt – vereint zum besten Zweck anzuwenden weiß, alles so anschaulich darzustellen, dass jeder sehen muss, was er selbst gesehen hat.
(J 1559)

Man schreibt sehr viel jetzt über Nomenklatur und richtige Benennungen, es ist auch ganz recht, es muss alles bearbeitet und auf das Beste gebracht werden. Nur glaube ich, dass man sich zu viel davon verspricht, und zu ängstlich ist den Dingen Namen zu geben die ihre Beschaffenheit ausdrücken. Der unermessliche Vorteil den die Sprache dem Denken bringt besteht dünkt mich mehr darin, dass sie überhaupt Zeichen für die Sache, als dass sie Definitionen sind. Ja ich glaube dass grade dadurch der Nutzen den die Sprachen haben wieder zum Teil aufgehoben wird. Was die Dinge sind, dieses auszumachen ist das Werk der Philosophie. Das Wort soll keine Definition sein, sondern ein bloßes Zeichen für die Definition, die immer das veränderliche Resultat des gesamten Fleißes der Forscher ist, und es in so unzähligen Gegenständen unsres Denkens ewig bleiben wird, dass der Denker daher gewöhnt wird sich um das Zeichen, als Definition gar nicht mehr zu bekümmern, und diese Unbedeutlichkeit auch endlich unvermerkt auf solche Zeichen überträgt die richtige Definitionen sind. Und das ist auch dünkt mich sehr recht. Denn da einmal nun die Zeichen der Begriffe keine Definitionen sein können, so ist fast besser gar keines derselben eine Definition sein zu lassen, als auf das Ansehen einiger Zeichen hin, die richtige Definitionen sind, so vielen andern die es nicht sind einen falschen Kredit zu verschaffen. Das würde eine Herrschaft der Sprache über die Meinungen bewirken die alle den Vorteil wieder raubte den uns die Zeichen verstatten. Es ist aber nicht zu befürchten, die sich selbst überlassene Vernunft wird immer die Worte für das nehmen was sie sind. – Es ist unglaublich wenig was ein solches definierendes Wort leistet. Das Wort kann doch nicht alles enthalten und also muss ich doch die Sache noch besonders kennen lernen. Das beste Wort ist das das jedermann gleich versteht. Also sei man ja behutsam mit der Wegwerfung allgemein verstandener Wörter, und man werfe sie nicht deswegen weg weil sie einen falschen Begriff von der Sache gäben! Denn einmal ist es nicht wahr, dass es mir einen falschen Begriff gibt, weil ich ja weiß und voraussetze, dass das Wort diene die Sache zu unterscheiden, und für das andere, so will ich aus dem Wort das Wesen der Sache nicht kennen lernen. Wer hat beim Metall-Kalch je an Kalch gedacht? Was kann es schaden die Kometen Kometen das ist Haar-Sterne zu nennen, und was würde es nutzen sie Brand- oder Dampf-Sterne zu nennen? (Sternschnuppe.) Es lässt sich selten viel in die Namen eintragen, so dass man doch erst die Sache kennen muss. Parabel, Hyperbel, Ellipse sind Namen dergleichen sich die Chemie weniger rühmen kann, denn [sie] drücken Eigenschaften dieser Linien aus, aus denen sich alle die übrigen herleiten lassen, welches freilich mehr reiner Natur der Wissenschaft wohin diese Betrachtungen gehören als einem besonderen Witz der Erfinder dieser Namen zuzuschreiben ist. Aber was hilft eben diese Weisheit, man braucht sie wie den Namen Zirkel und Kreis oder Muschel-Linie, die keine Definition sind. Der Dispüt hat wirklich etwas Ähnliches mit den puristischen Bemühungen der Sprachmelioristen, und Orthographen. Man hofft zu viel von guten und fürchtet zuviel von schlechten Wörtern. Die Richtigkeit des Ausdrucks ist es nicht allein sondern die Bekanntheit und der Wert eines Worts steht also gewissermaßen in der zusammengesetzten Verhältnis aus der jedesmalen Richtigkeit und der Bekanntheit. Freilich Regeln für die Wörterfertigung festzusetzen ist immer sehr gut, denn es kann ein Fall kommen, wo man sie gebraucht. Es ist wirklich gut den Dingen griechische zu geben. Hätte man für die ganze Chemie hebräische Namen oder arabische wie Alkali pp, so würde man am besten dabei fahren je weniger man von dem Namen versteht.
(K 19)

Nomenklatur. Ich glaube immer es ist am besten gar nicht zu reformieren. Es erweckt Erbitterung und Neid und Verachtung, auch wird zuviel über Namen geschrieben, das doch eigentlich nichts ist. Das Unsinnige verliert sich von selbst, und das was gleichsam die Natur abstößt, wächst nicht wieder.
(K 21)

[…] Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff sein etwas von unserm Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine empfindenden und denkenden Geschöpfe mehr gibt, so ist auch nichts mehr. So einfältig dieses klingt, und so sehr ich verlacht werden würde, wenn ich so etwas öffentlich sagte, so halte ich doch so etwas mutmaßen zu können für einen der größten Vorzüge, eigentlich für eine der sonderbarsten Einrichtungen des menschlichen Geistes. […]
(K 45)

Die wenigsten Menschen haben wohl recht über den Wert des Nichtseins gehörig nachgedacht. Unter Nichtsein nach dem Tode stelle ich mir den Zustand vor, in dem ich mich befand, ehe ich geboren ward. Es ist eigentlich nicht Apathie, denn die kann noch gefühlt werden, sondern es ist gar nichts. Gerate ich in diesen Zustand – wiewohl hier die Wörter ich und Zustand gar nicht mehr passen; es ist, glaube ich, etwas, das dem ewigen Leben völlig das Gleichgewicht hält. Sein und Nichtsein stehen einander, wenn von empfindenden Wesen die Rede ist, nicht entgegen, sondern Nichtsein und höchste Glückseligkeit. Ich glaube, man befindet sich gleich wohl, in welchem von beiden Zuständen man ist. Sein und abwarten, seiner Vernunft gemäß handeln, ist unsere Pflicht, da wir das Ganze nicht übersehen.
(K 66)

Wenn man die Natur als Lehrerin, und die armen Menschen als Zuhörer betrachtet, so ist man geneigt, einer ganz sonderbaren Idee vom menschlichen Geschlechte Raum zu geben. Wir sitzen allesamt in einem Collegio, haben die Prinzipien, die nötig sind, es zu verstehen und zu fassen, horchen aber immer mehr auf die Plaudereien unserer Mitschüler, als auf den Vortrag der Lehrerin. Oder wenn ja einer neben uns etwas nachschreibt, so spicken wir von ihm, stehlen, was er selbst vielleicht undeutlich hörte, und vermehren es mit unsern eigenen orthographischen und Meinungsfehlern.
(K 70)

Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewusst, die nicht von uns abhängen; andere glauben, wir wenigstens hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, so bald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.
(K 76)

Worin mag der Grund der sonderbaren Erscheinung liegen, die ich so oft bemerkt habe, dass man mit jemanden im Traume von einem Dritten spricht, und wenn man erwacht, findet, dass der vermeinte Dritte gerade der Mann war, mit dem man auch gesprochen hat? Ist es vielleicht bloße Form des Erwachens, oder worin liegt der Grund?
(K 84)

Da man im Traume so oft seine eigenen Einwürfe für die eines andern hält, z.B. wenn man mit jemanden disputiert, so wunderts mich nur, dass dieses nicht öfters im Wachen geschieht. Der Zustand des Wachens scheint also hauptsächlich darin zu liegen, dass man das in uns und außer uns scharf und konventionsmäßig unterscheidet.
(K 85)

Die Leute, die niemals Zeit haben, tun am wenigsten.
(K 125)

Erst müssen wir glauben, und dann glauben wir.
(K 136)

Es sind immer gefährliche Zeiten, wo der Mensch sehr lebhaft erkennt, wie wichtig er ist, und was er vermag. Es ist immer gut, wenn er in Rücksicht auf seine politischen Rechte, Kräfte und Anlagen ein bisschen schläft, so wie die Pferde nicht bei jeder Gelegenheit Gebrauch von ihren Kräften machen dürfen.
(K 147)

[…] Eine kleine Erhebung durch Wein ist den Sprüngen der Erfindung und dem Ausdruck günstig, der Ordnung und Planmäßigkeit aber bloß die ruhige Vernunft.
(K 181)

Kein Wort im Evangelio ist mehr in unsern Tagen befolgt worden, als das: Werdet wie die Kindlein.
(L 435)

Verminderung der Bedürfnisse sollte wohl das sein was man der Jugend durchaus einschärfen sollte, und sie dazu [zu] stärken suchen. Je weniger Bedürfnisse, desto glücklicher, ist eine alte, aber sehr verkannte Wahrheit.
(L 529)

[…] Hat nicht jeder Tag seinen April?
(Undatierte Bemerkungen 62)

[Bemerkung: Die Zitate wurden von mir der neuen Rechtschreibung vorsichtig angepasst]

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